by Dominik Ruisinger | 06.03.2026 | Blog
Liebe Politik,
seit vielen Monaten diskutieren Sie jetzt, ob Social Media für die Unter 14-Jährigen oder Unter 15-Jährigen oder doch Unter 16-Jährigen verboten werden sollte. Spätestens seit dem letzten CDU-Parteitag hat das Thema deutlich an Dynamik gewonnen – sicherlich auch getrieben von den bevorstehenden Landtagswahlen in meinem Heimatland Baden-Württemberg. Nach der SPD hat sich also auch der Koalitionspartner CDU für ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 14 Jahren ausgesprochen sowie bzw. Einschränkungen für unter 16-Jährige.
Belastung ist offensichtlich
Damit sind Sie nicht allein. Auch andere Länder wie Italien, Spanien, Österreich, Frankreich, das Vereinigte Königreich, Griechenland oder Dänemark diskutieren die Einführung ähnlicher Schutzmaßnahmen.
Denn die gesundheitliche Bedrohung ist offensichtlich: Laut einer Studie der Krankenkasse DAK-Gesundheit nutzen mehr als ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen Social Media in riskantem oder sogar krankhaftem Ausmaß. Als pathologische Nutzerinnen und Nutzer – also suchtkrank – gelten 6,6 Prozent bei Social Media und 4 Prozent bei Videos.
2.000 TikToks pro Tag im Schnitt
Um dies zu verdeutlichen, lassen Sie uns eine einfache Rechnungsaufgabe machen. Die durchschnittliche tägliche Verweildauer auf TikTok beträgt bei uns gut 100 Minuten. Bei den 16-25-Jährigen wird diese Zahl, so meine Erfahrung als Hochschuldozent, als Trainer, als Berater, deutlich höher sein. Gleichzeitig liegt die Verweildauer auf einem TikTok – also bis die Entscheidung fällt, weiter zu scrollen oder zu bleiben – nach 1-3 Sekunden.
Wenn wir einfach von 3 Sekunden ausgehen, dann nimmt ein durchschnittlicher Nutzer folglich 20×100 TikToks, also 2.000 TikTok auf. Pro Tag. Dass dies belastend für das Gehirn ist und sicherlich auch psychische Probleme, zu hohe Belastung, Burnout fördert, klingt für mich auch als Nicht-Gehirnforscher logisch. Das heißt: Die Belastung ist zweifellos extrem hoch. Darum finde ich es ja auch wichtig und richtig, dass Sie sich – endlich – dem Thema intensiver widmen.
Nur: Auch wenn so viele von Ihnen ein Social-Media-Verbot vehement nach vorne treiben wollen: Glauben Sie wirklich, dass diese Entscheidung der richtige Weg ist? Würde die Situation über ein Verbot verbessert werden? Vielleicht denken Sie nochmals über die folgenden 5 Punkte nach.
1. Welche Plattformen betrifft es?
Beginnen wir mit den Plattformen selbst. Natürlich sind sie von Algorithmen geprägt, natürlich spielt das Thema KI immer stärker eine Rolle, natürlich machen die Feeds Menschen abhängig. Das können Sie übrigens alles in meinem Buch über „Das Ende von Social Media“ nachlesen, das ich vor knapp zwei Jahren publiziert habe.
Doch wenn wir bei den Plattformen bleiben: Welche meinen Sie eigentlich, wenn Sie von Social Media sprechen? Ich will gar nicht damit anfangen, dass sich viele Plattformen gar nicht als Social Media bezeichnen – wie TikTok oder Snapchat. Aber wahrscheinlich meinen Sie genau diese beiden – und natürlich die Meta-Plattformen Instagram, Facebook, Threads und die Musk-Plattform X. Sind das schon alle? Was ist denn mit den eher unbekannteren Plattformen wie Mastodon oder Bluesky? Nicht dass sich später einige benachteiligt fühlen.
Was ist mit YouTube und WhatsApp?
Und was ist mit YouTube, mit Vimeo, mit WhatsApp? Wenn Sie jetzt sagen, dass dies ja gar nicht Social Media ist, dann ist dies richtig. YouTube versteht sich als Streaming-Dienst wie Disney+ oder Netflix. Aber ist YouTube nicht das aktuelle Vorbild von Instagram und TikTok? Müssten wir dann YouTube nicht auch verbieten? Also YouTube auch – wie in Australien. Und wenn wir berücksichtigen, wie stark Mark Zuckerberg gerade WhatsApp kommerzialisiert und als Netzwerk ausbaut: Müssten Sie nicht auch diesen Kanal einschränken, über den wahrscheinlich viele Kinder-Eltern-Bindungen laufen?
2. Was ist mit den Spieleplattformen?
Gehen wir einen Schritt weiter – und sehen Sie sich mal diese Studie aus unserem Nachbarland Österreich an: Den Jugend-Internet-Monitor 2026. Sofort erkennen Sie, dass alle Social-Media-Kanäle bei den befragten 11-17-Jährigen deutlich an Relevanz verloren haben. Dies bedeutet jetzt nicht, dass ich Ihre Initiative überflüssig finde. Aber haben Sie bei Ihren Verbotsdiskussionen auch an Spieleplattformen wie Roblox bedacht?
Denn viele der Studien, die eine Social-Media-Sucht definieren, werfen Social-Media- und Online-Spiele-Sucht in einen Topf. Und wenn Sie einfach mal Jugendliche beobachten, wie diese mit gesenkten Köpfen durch die Straßen laufen, dann spielen meist dort gar keine Social-Media-, sondern Spieleplattformen die Hauptrolle. Und auch diese folgen einem Algorithmus, der den Jugendlichen immer weitere Spiele einblendet. Müssten Sie sich daher nicht – analog zu den Social-Media-Plattformen – viel stärker darum kümmern, da diese ebenfalls jugendgefährdend sind?
3. Was ist mit den KI-Tools?
Gehen wir nochmals zurück zu der österreichischen Jugendstudie: Wenn Sie sich die Ergebnisse ansehen, dann erkennen Sie nur einen Gewinner: Die KI-Tools. Wenn Sie also schon darüber diskutieren, wie Sie Jugendliche mit Blick auf die Zukunft schützen könnten: Müssten Sie sich nicht viel stärker mit den KI-Tools als Rising Stars der Digitalbranche beschäftigen? Damit würden Sie auch die Spielesucht etwas bekämpfen. Schließlich lassen sich mit KI-Tools eigene Spiele extrem schnell und einfach entwickeln, wie ich Ihnen als Nicht-Entwickler und Nicht-ITler gerne zeige.
Und bleiben wir beim Themas KI: Wenn ich sehe, wie OpenAI, Meta & Co. gerade neue (Social) Networks entwickeln oder planen, denken Sie beispielsweise an Vibes -, die weniger mit menschlichen Inhalten denn mit KI-Videos gefüttert werden: Müssten diese dann nicht auch in das „Social-Media-Verbot“ inkludiert werden? Denn genau diese Inhalte werden wir in den nächsten Monaten verstärkt auch bei TikTok, YouTube & Co. zu sehen bekommen.
4. Wer ist sich den Gefahren bewusster?
Und noch eine Frage zum Thema Alter: Glauben Sie wirklich, dass eine 15-Jährige, die bereits mehrere Jahre sich mit TikTok, Instagram und YouTube beschäftigt hat, naiver im Umgang mit den Gefahren und Abhängigkeiten solcher Plattformen ist, als ein 60-Jähriger, für den viele dieser Plattformen „Teufelszeug“ ist, ohne sie wirklich zu kennen?
Ist in diesem Kontext nicht die Forderung des Satire-Kanals „Der Postillon“ durchaus berechtigt, der kürzlich auf Facebook titelte: „Die fallen auf jeden KI-Müll rein“ – Jugendliche fordern Social-Media-Verbot für Menschen über 40″. Eine im gleichen Sinne freche wie nicht unlogische Forderung.
5. Wie reizvoll ist das Verbotene?
Und noch ein letzter Punkt, der daran anknüpft: Für wie klug oder – sagen wir besser – clever halten Sie eigentlich junge Menschen? Bedenken Sie eines: Bereits heute dürfen Plattformen wie TikTok oder Instagram erst ab einem Alter von 13 Jahren genutzt werden. Trotzdem haben viele einen Weg für sich gefunden haben.
Glauben Sie wirklich, dass dies bei einem Verbot anders wäre – gerade auch in Gesellschaften und sozialen Schichten, in denen die Eltern wenig Zeit haben, um sich um ihre Kinder wirklich zu kümmern und sich mit solchen Fragen zu beschäftigen?
Schweizer Käse made in Australia
Gerade das scheinbare Vorzeigebeispiel Australien zeigt aktuell, wie schwierig die Umsetzung eines solch pauschalen Social-Media-Verbots ist und wie sich ein Gesetzespapier in der Umsetzung so löchrig wie ein Schweizer Käse entpuppt. So schreibt das Blog BASIC thinking: „Anstatt eine sichere Medienkompetenz zu entwickeln, lernen australische Teenager bereits Umgehungstricks, etwa über VPN-Dienste oder die Altersverifikation über ältere Freunde.“
Dies müssen wir eng auch mit dem gewissen Reiz des Verbotenen sehen, den meine Generation damals bei Zigaretten, Alkohol oder nächtlichen Ausflügen verspürte. Folglich müssen wir dem Autor des Beitrages, Fabian Peters, zustimmen, wenn er schreibt, dass der Versuch, Kinder und Jugendliche allein durch ein Verbot zu schützen, die Komplexität ihres Medienalltags übersieht und die Notwendigkeit ignoriert, sie kompetent in digitalen Räumen agieren zu lassen.
Gesetze mit kurzem Verfallsdatum
Bitte verstehen Sie mich richtig: Ich sehe ebenfalls die Bedrohungen und Belastungen, die von den Plattformen ausgehen. Aber warum verbannen Sie Jugendliche aus dieser Social-Media-Welt? Warum gehen Sie stattdessen nicht viel härter gegen die Absender von Hass, Gewalt, Desinformation, Fake News, Deepfakes und tief toxischen Geschäftsmodellen vor, wie Dirk von Gehlen beklagt?
Machen Sie es sich mit Ihrem Verbot viel zu leicht?
Denn die Idee für ein pauschales Social-Media-Verbot klingt im ersten Moment zwar logisch und ehrenwert und unterstützungswert. Aber im zweiten Augenblick ist sie viel zu kurz gedacht und mit einem Verfallsdatum versehen, das schon vor der endgültigen Verabschiedung eines eventuellen Gesetzes bereits abgelaufen ist. Damit wird ein Gesetz zu einer reinen Symbolpolitik, die uns alle und vor allem die jungen Menschen nicht weiterbringen wird.
Bildung hilft mehr als Social-Media-Verbote
Wo könnte stattdessen die Lösung liegen? Der wichtigste Ansatz, der uns alle weiterbringen würde – auch mit Blick auf die sich stark veränderte Zukunft –, wäre deutlich mehr digitale Bildung und mediale Aufklärung – quer durch alle Generationen und Schichten.
Wenn Sie also wirklich etwas verändern und gerade junge Menschen hierzulande schützen wollen, dann benötigt es dringender als je zuvor eine flächendeckende Bildungsoffensive und mehr Medienkompetenz – und definitiv nicht nur für Minderjährige. Auch Eltern, Lehrkräfte und fast alle Menschen müssen befähigt werden, digitale Räume kompetent und verantwortungsvoll zu nutzen und dabei Risiken zu erkennen und einzuordnen.
Ihr Einsatz ist gefragt – für mehr Bildung!
Jeder und jede muss sich unabhängig des Alters bewusst sein, wie Algorithmen grob funktionieren, warum ihnen welche Inhalte eingeblendet werden, warum und wie sie mit ihrem eigenen Verhalten einen Feed steuern, woran sie KI-Inhalte – zumindest zum Teil – erkennen können. Diese Aufklärung wäre deutlich erfolgsversprechender als irgendein Verbot, das sich so oder so kaum oder nur halbwegs oder erst in vielen Jahren in dann weichgegarten Kompromissen umsetzen lässt.
Darum mein Appell an: Setzen Sie sich als Politikerin oder Politiker mit der gleichen Vehemenz für mehr digitale Bildung ein. Dann kommen wir der guten Sache sicherlich näher. Und damit wäre uns doch allen geholfen, oder?
Mit freundlichen Grüßen verbleibt
Dominik Ruisinger
by Dominik Ruisinger | 03.03.2026 | Blog
Leben wir in einem Land der News-Junkies?
Wenn man die neue Studie von Stagwell in Zusammenarbeit mit dem Axel-Springer-Vermarkter Media Impact liest, dann muss man zu diesem Ergebnis kommen: 81% der deutschen Erwachsenen lesen täglich Nachrichten, 35% sind sogar Nachrichten-Junkies: Täglich informieren sich im Schnitt 7x über Nachrichten und lesen mehr als zehn Artikel.
„Deutsche lieben Nachrichten“, so die Kernaussage der Studienmacher.
Ehrlich gesagt bin ich etwas verwirrt: Steht nicht überall, dass wir Deutsche unter einer wachsenden News Fatigue lesen? Und sich immer mehr Menschen aus den täglichen Medienkonsum zurückziehen, weil für sie die Nachrichten zu negativ und zu belastend sind? Die Studie zur Mediennutzung bei uns kommt auf jeden Fall zu einem anderen Ergebnis.
Weitere Aufklärung liefern hoffentlich die 10 Lesetipps in meinen monatlichen Gedankenspielen. Ich hoffe auf gute Erkenntnisse.
In eigener Sache.
Welchen Zweck verfolgen Unternehmen mit Social Media? Kundenservice nicht.
Welchen Mehrwert bietet Unternehmen ein Engagement auf den Social-Media-Plattformen? Bzw. für wen lohnt sich Social Media noch? Ein Beitrag über Ziele und den fehlenden Kundenservice bei der Deutschen Bahn.
2 Studien rund um die Mediennutzung.
- Wortliga: Wie verständlich berichten deutsche Online-Medien?
Wie verständlich berichten deutsche Medien? Dazu hat Wortliga 16 führende deutsche Online-Medien analysiert. Das Ergebnis: Während bild.de, stern.de, zdfheute.de gut verständlich informieren, ist die FAZ für viele zu schwer zu lesen. Dies lässt sich u.a. auf zu lange Sätze, auf Substantivierungen und Passivkonstruktionen zurückführen – alles Aspekte, über ich in meinen Text-Workshops diskutiere.
- VAUNET: Mediennutzung bleibt in Deutschland sehr hoch
10 Stunden und 53 Minuten: So lange haben die Deutschen im Jahre 2025 täglich im Schnitt Medien genutzt. Dies zeigt die Analyse des Privatsenderverbands VAUNET. Im Vergleich zum Vorjahr blieben die linearen Angebote konstant und relevant. Während der TV-Konsum ganz leicht fiel, stiegen Audio-Nutzung und vor allem Streaming an.
3 Strategien gerade in Zeiten von KI.
- Reuters-Trend-Report: Druck auf Kommunikation wächst
Ein Weckruf an die Medienarbeit liefert der Reuters-Trend-Report 2026: „Journalism and Technology: Trends and Predictions 2026“ macht deutlich, wie stark sinkender Traffic, Glaubwürdigkeitsprobleme und KI den Journalismus immer stärker unter Druck setzen. Diese Verschiebungen, so betont Marie-Christine Schindler in ihrer Analyse, betreffen ebenfalls die Unternehmen(skommunikation), die ebenfalls um Vertrauen, Relevanz und Sichtbarkeit kämpft.
- PR in KI-Zeiten: Wie sie Unternehmen Sichtbarkeit gibt
„Sichtbarkeit in KI-Zeiten entsteht durch inhaltliche Substanz, technische Klarheit und digitale Präsenz“, heißt es im Agentur-Blog von AM. Vor diesem Hintergrund kommt der PR eine relevante Rolle zu. Denn KI-Systeme nennen vor allem Marken, die sie kennen, verstehen und für vertrauenswürdig halten. Der vorgestellte 5-Punkte-Plan hilft als Einstieg.
3 Hinweise für die Social Media Plattformen.
- Nur Reels, Shorts und TikToks? „Video ist überbewertet“
Brauchen wir im Social Media-Bereich nur noch Videos? Man hat fast den Eindruck, wenn man über die vielen TikToks, Reels, Shorts und sonstigen Videos bei der Mediennutzung stolpert. Aber ist es wirklich so? Frist Video nicht viel Energie, Ressourcen, Lebenszeit? Ein wichtiges Plädoyer, Bewegtbild einzusetzen – aber bitte bewusst und nicht als blinde, KI-gepushte Massenproduktion.
- TikTok: 13 Tipps für mehr Reichweite
Wie erstelle ich TikTok-Videos, die wirklich funktionieren? Die meine Zielgruppe erreichen? Justin Pohl hat dazu viele Tipps im Hubspot-Blog zusammengestellt: Vom notwendigen 3-Sekunden-Hook, der richtigen Content-Strategie, der passenden Gestaltung von Bildern bis zur Analyse. Definitiv hilfreich.
- LinkedIn: Personal Branding benötigt Klarheit
„Personal Branding bedeutet nicht, mehr zu senden, sondern vor allem klarer zu sprechen“, schreibt Meike Leopold. Wer keine Orientierung bietet, wird für die richtigen Zielgruppen unsichtbar. Daher sei es wichtig, das Profil, den eigenen Content und die Interaktion noch stärker am eigenen Personal Branding auszurichten. Eine Strategie, die ich in meinen Coachings ebenfalls lehre.
Daten zur Sichtbarkeit im KI-Zeitalter.
- Sichtbarkeit: AI Overviews in Deutschland: So stark sinken die Klickraten wirklich
Viele klagen darüber, dass ihre Klickraten durch die AI Overviews eingebrochen sind. Ist dies wirklich so? Sistrix hat 100 Millionen Keywords analysiert, um die Auswirkungen zu messen. Danach werden bei 20% der Keywords AI Overviews ausgespielt. Dabei geht die Hälfte aller organischen Klicks verloren. Dies betrifft vor allem informationale Suchanfragen, die Google selbst beantwortet.
- Monitoring: GEO-Erfolge messen und optimieren
Wie lässt sich der Erfolg von GEO-Maßnahmen messen? Welche Inhalte gelten für KI-Systeme als vertrauenswürdig, relevant und zitierfähig? Dass sie auf die Qualität und Inhaltstiefe der Quelle, die Erfüllung der Nutzerintention, die Erfahrung, Vertrauenswürdigkeit und fachliche Kompetenz (E-E-A-T) der Autorinnen und Autoren zurückgreifen, ist bekannt. Dieser Beitrag stellt dazu die wichtigsten GEO-KPIs vor.
by Dominik Ruisinger | 18.02.2026 | Blog
Welchen Mehrwert bietet Unternehmen ein Engagement auf den Social-Media-Plattformen? Und mit Mehrwert meine ich weder Likes, Followers, Shares oder Saves noch sonstige Interaktionszahlen, sondern wirklich belegbarer Wert aus Unternehmenssicht? Oder anders gefragt: Für wen und was lohnt es sich heute noch? Gerade in Zeiten von KI, von Algorithmen, von passivem Scrolling, von (Werbe)Überdruss und dem Ende von Followern, Friends und eigenen Communities im Social Web? Warum keinen Kundenservice?
Diese Frage stellte ich mir kürzlich, als ich einen Blick in meine Datenbank warf, in dem ich meine Lieblings-Cases aus der Social Media Branche gesammelt habe. Und als mir auffiel, dass sich frühere Best Cases in heutige Worst oder No Case gewandelt haben. Nur warum?
Aber der Reihe lang.
Auf der Suche nach den wirklichen Zielen
Eigentlich sollte die Ausgangsfrage nach dem Sinn und Zweck einfach zu beantworten sein. Doch wenn man etwas tiefer nachdenkt, wird diese scheinbar einfache Sache immer komplizierter und gar nicht mehr so einfach zu beantworten.
Wenn man sich beispielsweise durch Standardwerke wie den „Social Media Manager“ von der geschätzten Vivian Pein oder durch meine eigenen Bücher wühlt, dann entdeckt man dort Ziele wie Markenbekanntheit und Reputation, Employer Branding und Social Recruiting, Vertrieb und Social Commerce, Kundenbindung und -service.
Okay, mit dem Thema Employer Branding und Recruiting kann ich mich durchaus anfreunden, da ich es teilweise auch in vielen Corporate Influencer Programmen tief verankert sehe. Und die Erhöhung der Bekanntheit gerade für neue Marken oder der Vertrieb beispielsweise von B2C-Produkten erkenne ich ebenfalls, gerade wenn ich an TikTok-Commerce & Co. denke. Und Kundenservice?
Kundenservice per Social Media?
Eigentlich müsste der Service an der Kundin bzw. am Kunden eines der Top-Themen sein, bei dem Social Media seine Möglichkeiten direkt ausspielen kann: Geringe Hemmschwelle, einfache Handhabung, schnelle Reaktionen. So war auch Kundenservice über Jahre hinweg eines der Top-Einsatzbereiche: egal ob über eigene Communitys oder insbesondere in den 2010er Jahren über das untergegangene Twitter; auch wenn damals der Zeitdruck und die oft polemischen, verletzenden Fragen das Community Management häufig belasteten.
Heute scheinen diese Zeiten und dieses Ziel untergegangen zu sein. Immer weniger Companies bieten Kundenservice über Social Media wirklich an. Liegt dies an uns, die wir teils zu unflätig damit umgegangen sind?
Der Fall der Deutschen Bahn
Nehmen wir als Beispiel die Deutsche Bahn. Über viele Jahre hinweg hat sie hervorragende Social-Media-Arbeit geleistet und auch mich über das untergegangene Twitter häufig unterstützt – bei Verspätungen, Gleiswechseln, sogar beim vorübergehenden Verlust meines Laptops. Trotz aller Kritik: Danke dafür nochmals an das Team. Ihr ward großartig!
So überrascht es nicht, dass die Deutsche Bahn und ihr Social-Media-Service in all meinen Präsentationen und Vorträgen ein Best Case war. Und es ist auch nicht überraschend, dass im Anschluss an Vorträge und Workshops viele auf mich zukamen, nur um zu sagen: „Jetzt verstehe ich, was Social Media leisten kann.“
Es war einmal Service …
Und heute: Was ist davon übriggeblieben? Auf Twitter/X ist der Bahn-Account geschlossen bzw. auf inaktiv geschaltet. Auf Bluesky dominieren Unternehmensinformationen – samt Hinweis auf die Support-Kanäle Facebook, Instagram, WhatsApp und Threads.
Sind das wirklich Support-Kanäle? Liefern sie wirklich Kundenservice?
Nehmen wir das Beispiel Threads – als eine Art „Nachfolger“ von Twitter/X. Wird hier Service, Support, Hilfestellung geboten? Nicht wirklich. Schon mehrfach habe ich Fragen gestellt, ganz sachliche, einfache, schnell zu beantwortende. Antworten? Niemals. Reaktionen? Keine. Und dies scheint nicht nur mir so zu gehen.
Entertainment statt Service
Stattdessen scheint sich die Deutsche Bahn Accounts von Carrera, Dr. Oetker Pizza oder Postillon zum Vorbild zu nehmen, anstatt die Menschen, die Kundinnen und Kunden, die Reisenden. Spielt die Bahn diesen launischen Ansatz nicht schon ausreichend auf TikTok?
Und erwarte ich von einer Bahn wirklich Entertainment? Gerade als Unternehmen,
- das sich nicht in einfachen Zeiten befindet,
- von dem viele gerade jetzt Top-Service erwarten,
- das Kundinnen und Kunden pflegen sollte, damit sie nicht wieder auf die Straße und auf das eigene Auto abwandern?
- das als staatliche Aktiengesellschaft über eine 100% Bund-Beteiligung über unsere Steuermittel mitfinanziert wird.
Was bringt dann solch ein Spaß-Kanal? Und das frage ich aus Sicht eines Kunden? Ehrlich gesagt, erwarte ich anderes.
Oder sollten wir das definierte Ziel – Service per Social Media – besser beerdigen und im Jahre 2026 zur Telefon-Hotline zurückkehren? Oder ganz modern zu Chats, von denen gerade mal die Hälfte von der KI beantwortet werden kann?
Soap als „Humorvolle Liebeserklärung“?
Anderer Kanal, gleiches Unternehmen: Auch bei der unsäglichen Mini-Soap, die jetzt eingestellt wurde, hatte ich mich nach dem Ziel gefragt: Warum diese über 7 Millionen Euro Investment? Warum eine Imagekampagne in Zeiten, in denen es – angesichts von Verspätungen, Verzögerungen und sonstigen Pannen – doch um die Beruhigung der Reisenden und die Zufriedenheit der Mitarbeitenden geht?
Und wenn die Soap doch eine „humorvolle Liebeserklärung an die Mitarbeitenden“ der Bahn sein sollte, so der DB-Vorstand für den Personenfernverkehr, Michael Peterson, im Spiegel-Beitrag: Warum keine fest eingebundenen Mitarbeitenden?
Als Vielfahrer habe ich öfters Mitarbeitende in der Bahn gefragt, was sie von „Boah, Bahn“ halten. Achselzucken war mit Abstand das Positivste, das ich zu sehen und hören bekam. Wenn wenigstens diese begeistert gewesen wären, dann hätte ich das Instrument zumindest der Mitarbeitenden-Bindung, der internen Kommunikation zugerechnet. Aber warum das Ganze?
Wo bleibt die Hilfe für Kunden?
Zurück zur Frage nach dem Service: Wo bleibt die Hilfe für Kundinnen und Kunden? Warum werden die vorhandenen und bespielten Kanäle dafür nicht genutzt? Könnte nicht gerade in solch einem Service-Kanal ein zusätzlicher Mehrwert bestehen? Und ließ sich nicht auch mit solch einem Service der Wert, der Mehrwert und die Relevanz einer Social-Media-Maßnahme, einer Social-Media-Abteilung gut belegen und rechtfertigen?
Denn kommen wir auf die Ursprungsfrage zurück: Welchen Sinn hat Social Media für Unternehmen? Sind solche Kanäle dafür da, um einige Fan-Boys und -Girls intern und extern zu bespaßen? Müssten wir solche Kanäle dann nicht als eine Ressourcen-Verschwendung ansehen, die dem nächsten Rotstift zurecht zum Opfer fallen oder die nur dann bespielt werden können, wenn – zu – viele Ressourcen im Haus vorhanden sind?
Das ist kein Bashing.
Bitte mich nicht falsch verstehen. Ich will hier keineswegs irgendein Bahn-Bashing betreiben. Das ist mir fern. Ich hätte auch ein anderes Unternehmen nehmen können.
Im Gegenteil. Ich bin ein Fan der Bahn. Das habe ich häufig geschrieben. Aber ein Fan, der nicht gepflegt wird, wird seinen Fan-Schal irgendwann zuhause lassen.
Ich habe hier viele Fragen gestellt. Darum bitte helfen!
by Dominik Ruisinger | 03.02.2026 | Blog
Der Anfang eines Jahres ist immer als der Moment der Prognosen, der Ausblicke, der Mutmaßungen. Und dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob wir auf die verschlossene Welt der Politik, auf die bei uns darbende Wirtschaft, auf die aktuell etwas wackelnde Finanzbranche oder auf die sich ständig neuerfindende Branche der digitalen Kommunikation blicken.
- Wird Social Media für Menschen unter 16 Jahren (oder unter 15 Jahren oder unter 14 Jahren) verboten, wie es aktuell in Australien gelebt und in Frankreich, Großbritannien und Österreich vorbereitet wird? Oder benötigen wir dies gar nicht mehr, weil Jugendliche immer stärker die Lust an den Kanälen verlieren, wie zwei neue Studien aufzeigen? Und wandert die Werbung dann ab in Gaming- und Streaming-Portale oder ins Real Life?
- Sind mit KI nicht nur das Abendland und viele Jobs bedroht, sondern ist auch das endgültige Ende der Social Media-Plattformen gekommen, die künftig nur noch von KI und von Werbung gefüttert werden? Können wir uns künftig daher unsere organischen, nicht bezahlten Beiträge ersparen?
- Brauchen wir alle nur noch Generative Engine Optimization (GEO), also die Optimierung für KI-Suchmaschinen, nicht das Magazin 😉? Oder müssen wir die aktuellen Entwicklungen nicht eher zum Anlass nehmen, unsere bisherigen Maßnahmen für mehr Sichtbarkeit im Netz zu hinterfragen?
Genau auf diese Fragen und die dazu passenden Studien habe ich den Fokus in dieser Ausgabe meiner Gedankenspiele-Lesetipps gelegt. Verbunden stets mit Lösungsansätzen und Anregungen, wie wir den Kanälen noch etwas Positives abgewinnen bzw. wie wir sie zumindest für unsere beruflichen Aktivitäten gewinnbringend nutzen könnten.
In eigener Sache.
7 Empfehlungen für die Social-Media-Strategie 2026
Wie müssen wir strategisch reagieren, um mit unseren Inhalten noch Sichtbarkeit zu erhalten? Welches sind die Faktoren, auf die wir künftig besonders viel Wert legen sollten? Für die Marketing-Börse habe ich 7 Empfehlungen aufgeschrieben, die Organisationen im Jahre 2026 initiieren bzw. vertiefen sollten.
3 Studien.
- JIM-Studie: Jugendliche nutzen lieber Chatbots als Social Media
Verlieren Jugendliche die Lust an Social Media-, Messenger- und Video-Tools? Wenn es nach der aktuellen Ausgabe des österreichischen Jugend-Internet-Monitors geht, dann zeichnet sich diese Tendenz ab. So haben alle Plattformen im Vergleich zum Vorjahr deutlich an Relevanz verloren. Weniger überraschend: Der große Sieger sind die KI-Chatbots, die schon heute von 94% der 11-17-Jährigen genutzt werden.
- Postbank-Studie: Social-Media-Plattformen verlieren junge Nutzer
Junge Menschen scheinen die sozialen Medien immer kritischer zu sehen. Das lässt sich aus der „Jugend-Digitalstudie 2025“ der Postbank herauslesen. So haben unter den 16-18-Jährigen alle führenden Social-Media-Plattformen inkl. WhatsApp an Reichweite eingebüßt. 1/3 lehnt den Konsum über soziale Plattformen grundsätzlich ab, 3/4 haben Freunde, die sie für süchtig halten. Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass für viele gerade TikTok, Snapchat, Instagram und YouTube fester Bestandteil ihres Alltags bleiben.
- Metricool-Studie: Welche Plattformen versprechen Erfolg?
„Plattformen belohnen Formate, die Verweildauer schaffen, Interaktion auslösen und Erwartungen erfüllen.“ Der Contentmanager hat sich die Social Media Studie von Metricool näher angesehen und zugeordnet. Das Fazit: Für eine Strategie 2026 muss jede Plattform noch stärker als eigenes Ökosystem mit eigenen Regeln betrachtet werden. Denn „organische Sichtbarkeit entsteht dort, wo Inhalte Menschen erreichen, nicht nur Algorithmen.“
3 Lösungsansätze.
- Auswege: Was bedeutet ein Social-Media-Verbot für die Werbung?
Welche Folgen hätte ein Social-Media-Verbot für Jugendliche für die Werbebranche? Würde diese dann noch stärker auf Gaming- und Streaming-Portale setzen? Und welche Einschränkungen gibt es bereits heute? Die Absatzwirtschaft hat mit Vertretern der Branche gesprochen – auch zum Real-Life-Marketing.
- Strategien: Welche Social Media Trends auf uns zukommen
„Technologie kann Prozesse optimieren, aber keine Beziehungen aufbauen“, schreibt Lea Sindel in einem Gastbeitrag auf AllSocial. Darin betont sie die Relevanz u.a. von Community Management als das neue Marketing, von Menschlichkeit als Differenzierungsfaktor, von Social als Discovery Engine. Gute Hinweise für eine Strategie 2026.
- Communities: Warum sie immer relevanter werden
Wie können Unternehmen Communities heute konkret nutzen? Gerade in einer Zeit, in der Sichtbarkeit über Vertrauen und enge Beziehungen, über Nähe, Emotionalität und Menschlichkeit erreicht wird? Marilyn Repp hat sich – mit Bezug auf mein Buch „Das Ende von Social Media“ – dieser Frage, dem kommunikativen Funnel und möglichen Formaten gewidmet. Vor allem kommt es künftig auf ein Denken an, das sich vom Werben zum vertraulichen Austausch verändern muss.
3x Generative Engine Optimization.
- KI: Warum SEO die Voraussetzung für GEO ist
Künstliche Intelligenz und Generative Engine Optimization haben die SEO-Branche herumgewirbelt. Manche sprechen vorschnell vom Ende und vom Beginn des reinen GEO-Zeitalters. Nur: Wie müssen Unternehmen auf die Veränderungen reagieren? Julian Dziki zeigt auf Basis der Entwicklungen auf, wie sich diese konkret aufstellen müssen. Kernaussage: „Wer für ChatGPT, Gemini & Co. optimieren will, kommt an SEO nicht vorbei.“
- LinkedIn: Warum mein Newsletter auf KI-Sichtbarkeit einzahlt
„LinkedIn Newsletter sind nicht nett, sie verleihen Dir Reichweite und Deutungshoheit“, schreibt Klaus Eck. Sie ermöglichen – unabhängig vom Algorithmus – eine stabile Abo-Reichweite, und sie schaffen als Longform-Content Sichtbarkeit in KI-Systemen durch Expertise, inhaltliche Tiefe und persönliche Glaubwürdigkeit. Wertvoller Beitrag samt hilfreiche Checkliste.
- GEO: Wie Pressemitteilungen in KI-Zeiten sichtbar bleiben
Klare Strukturen, eindeutige Sprache, übersichtliche Listen und Aufzählungen, sichtbare Expertise, multimediale Vielfalt, technische Lesbarkeit, glaubwürdige Absender: Generative Engine Optimization kann auch der Sichtbarkeit von Pressemitteilungen helfen, wie news aktuell aufzeigt – samt GEO-Checkliste.