Eine über­for­der­te Genera­ti­on?! Ein nach­denk­li­cher Blick auf „uns“.

 

Nach­denk­lich wür­de ich die Pha­se nen­nen, die ich der­zeit durch­le­be. Sehr nach­denk­lich. Vie­les pas­siert gera­de um mich her­um. In mei­nem direk­ten pri­va­ten Umfeld. Auf­re­gen­des und Auf­wüh­len­des zugleich. Die Digi­ta­li­sie­rung mit ihrer Viel­falt an Mög­lich­kei­ten und Instru­men­ten spielt ihre Rol­le. Aber eher als Ver­stär­ker und Beschleu­ni­ger. Für eine über­for­der­te und sich selbst über­for­dern­de Genera­ti­on. Doch um was geht es kon­kret? Oder anders gefragt: Wor­an krankt die Gruppe?

Freun­de, die mit einem Schlag­an­fall zusam­men­bre­chen, die sich selbst in psy­cha­t­ri­sche Kli­ni­ken ein­wei­sen, die ihren hoch bezahl­ten Stress-Job gegen einen qua­li­ta­tiv schlich­te­ren ein­lö­sen, die vor dem Hin­ter­grund hoch anspruchs­vol­ler Auf­ga­ben nicht mehr schla­fen, die sich von Depres­sio­nen geplagt aus dem Fens­ter stür­zen, die sich angst­voll vor der nächs­ten E‑Mail fürch­ten, die ihren Psych­ia­ter als stän­di­gen Beglei­ter benö­ti­gen, um wie­der den eige­nen Weg zu fin­den oder die eines Tages aus­bre­chen, auf­bre­chen und aussteigen.

Alles real. Alles Per­so­nen zwi­schen 40 und 50 Jah­ren. Alles Ange­stell­te, Bereichs­lei­ter, Geschäfts­füh­rer. Meist mit Ver­ant­wor­tung für sich und für ande­re. Mit Anfor­de­run­gen, vor denen sie plötz­lich kapi­tu­lie­ren. Weil sie sich über­for­dert füh­len. Weil sie am Ran­de ihrer Kräf­te sind. Weil sie nicht mehr kön­nen. Weil sie immer weni­ger wei­ter­wis­sen. Dann ist der Moment da, der mit einem Schlag vie­les ver­än­dert: Das eige­ne Leben, die Fami­lie, die Umge­bung, die Exis­tenz. Ja, es läuft etwas falsch in unse­ren Leben. Zumin­dest bei vie­len. So erle­be ich der­zeit das Umfeld mei­nes eige­nen Lebens.

Die USA als „Vor­bild“
Vie­le die­ser Brü­che sind geket­tet an eine ver­än­der­te Arbeits­welt. Die Zei­ten, in denen man noch einen Beruf ergriff und ihn dann sein Leben lang aus­führ­te, ja, die Zei­ten sind vor­bei. Und dies ins­be­son­de­re seit mei­ner Genera­ti­on. Also von Men­schen, die heu­te grob zwi­schen 40 und 50 Jah­ren alt sind. Wäh­rend sich noch die gro­ße Mehr­heit unse­rer Eltern, Groß­el­tern, Onkel und Tan­ten in ihrem Berufs­le­ben höchs­tens ein­mal von ihrem Job trenn­te – oder aber unge­wollt getrennt wur­de –, gel­ten sol­che Men­schen heut­zu­ta­ge als aus­ster­ben­de Spe­zi­es. Für alle ande­ren gilt: Ges­tern dort, heu­te hier, mor­gen da. Zu Las­ten oft von sich selbst und ihrem direk­ten Umfeld; und übri­gens damit auch ihrer Arbeit­ge­ber. Und mit einer zu tra­gen­den Last aus­ge­stat­tet, deren Gewicht sie sich erst spät bewusst wer­den. Und häu­fig deut­lich zu spät.

Ich kann mich noch gut erin­nern, dass wir vor rund zwei Jahr­zehn­ten mit etwas Ver­wun­de­rung – in die sich Bewun­de­rung wie Ver­wir­rung misch­te – auf den US-ame­ri­ka­ni­schen Arbeits­markt blick­ten. Mit­ar­bei­ter wech­sel­ten dort äußerst häu­fig ihren Arbeits­platz, gewollt wie unge­wollt. Alle zwei bis drei Jah­re. „Hire and Fire“ nann­te sich das. Auf der einen Sei­te trug dazu die schwa­che arbeits­recht­li­che Arbeit­neh­mer-Posi­ti­on bei, die von ihren Arbeit­ge­bern ohne Anga­be von Grün­den leicht und schnell gefeu­ert wer­den konn­ten. Auf der ande­ren Sei­te galt gera­de für eine jün­ge­re, gut aus­ge­bil­de­te, nach­drän­gen­de Genera­ti­on das län­ge­re Ver­har­ren auf einem Job als Zei­chen, dass man nicht nach oben woll­te, dass man kei­nen Ehr­geiz hat­te, dass man nicht an sich selbst glaub­te. Das Ergeb­nis war ein „Hire and Fire“ – aber intern wie extern provoziert.

Wenn Anfor­de­run­gen an der Kraft nagen
Eine ähn­li­che Ent­wick­lung lässt sich immer stär­ker bei uns in Deutsch­land beob­ach­ten. Und auch hier mit inter­nen wie exter­nen Beweg­grün­den ver­bun­den. Vie­le jün­ge­re Men­schen neh­men das dau­er­haf­te Wech­sel­spiel als ihren per­sön­li­chen Chan­ge- und Ent­wick­lungs­pro­zess an. Ein befreun­de­ter Agen­tur­chef bezeich­net sein Unter­neh­men sogar bereits als „eine pure Stu­fe auf einer Kar­rie­re­lei­ter“. Vie­le jün­ge­re Arbeit­neh­mer wür­den kom­men, aus­ge­bil­det wer­den, ein­ge­ar­bei­tet wer­den und bald schon wie­der nach etwas Neu­em stre­ben. Ganz anders das Bild bei vie­len älte­ren Arbeit­neh­mern, auch bei Selbst­stän­di­gen. Sie füh­len sich über­for­dert, mit den immer schnel­le­ren Ver­än­de­run­gen umzugehen.

Ich ken­ne heu­te vie­le, bei denen der Satz „Wie soll ich das heu­te noch alles schaf­fen“ zu einem täg­li­chen zen­tra­len Leit­spruch gewor­den ist. Als eine Art Hil­fe­ruf, weil sie vie­len Anfor­de­run­gen immer schwie­ri­ger und müh­sa­mer genü­gen kön­nen. Nur, was nagt und kratzt kon­kret an ihren Kräften?

  • Das Alter: Dass mit 40 bis 50 Jah­ren die Anstren­gun­gen im Berufs­all­tag nicht mehr ganz so spur­los weg­ge­steckt wer­den wie mit Mit­te 20, das ist ver­ständ­lich und nach­voll­zieh­bar. Die Jah­re auf dem Buckel haben Spu­ren hin­ter­las­sen, Ener­gie­re­ser­ven sind stark aus­ge­schöpft. Die Wahr­neh­mungs- und Ver­ar­bei­tungs­fä­hig­keit haben nicht mehr die vor Kraft strot­zen­de Inten­si­tät wie not­wen­di­ge Leich­tig­keit, die sie einst hat­ten. Und das ist zu spü­ren. Gera­de bei für den Geist und für die See­le anspruchs­vol­len Aufgaben.
  • Die Kon­kur­renz: (Fast) Jeder Mit­ar­bei­ter ist ersetz­bar. Von Maschi­nen oder von Men­schen. Und vor allem dann ersetz­bar, wenn die ande­re Per­son jün­ger, fit­ter und gut qua­li­fi­ziert ist. Plötz­lich merkt der Arbeit­neh­mer, der Selbst­stän­di­ge, der Free­lan­cer, dass der Begriff „Erfah­rung“ doch nicht ein so hohes Gut ist, als was er oft­mals beschrie­ben und geprie­sen wird. Wenn die Kon­kur­renz hin­ter dem Arbeits­stuhl drückt, so trägt es bei den meis­ten nicht gera­de zu einer Beru­hi­gung des eige­nen Ner­ven­kos­tüms bei.
  • Die Erreich­bar­keit: Arbeit­neh­mer sind heu­te für ihre Jobs immer da. Selbst in den Feri­en. Laut einer Stu­die sind 60 Pro­zent der Füh­rungs­kräf­te auch im Urlaub erreich­bar. Das ist irgend­wie auch nach­voll­zieh­bar. Schließ­lich wol­len sie sicher gehen, dass die Geschäf­te auch wäh­rend ihrer Abwe­sen­heit wei­ter­hin gut lau­fen. Nur gilt dies auch für sons­ti­ge Arbeit­neh­mer. Einer Umfra­ge des Bran­chen­ver­ban­des Bit­kom zu Fol­ge sind 67 Pro­zent der Arbeit­neh­mer im Urlaub für ihren Arbeit­ge­ber zu errei­chen. Dabei ste­hen laut Bun­des­ur­laubs­ge­setz — was es für Geset­ze gibt! — jedem Arbeit­neh­mer min­des­tens vier Wochen arbeits­freie Zeit zu, um sich zu erho­len. Schon mit Anru­fen wird der Urlaubs­zweck gestört. Nur wer beschwert sich? Nie­mand. Die Über­all-und-Immer-Erreich­bar­keit ist für vie­le fast schon nor­mal. Hin­zu kommt: Jeder drit­te Beschäf­tig­te ist sich unsi­cher, ob Kol­le­gen oder Vor­ge­setz­te von ihm erwar­ten, dass er in der Frei­zeit auf ihre Kon­takt­ver­su­che reagiert. Also nimmt er doch lie­ber die Erreich­bar­keit gleich in Kauf.
  • Das Ende des Pri­va­ten: Die dau­ern­de Erreich­bar­keit ist eng mit einem wei­te­ren Phä­no­men zu sehen, unter dem unse­re Genera­ti­on lei­det – ob bewusst oder unbe­wusst. Die immer stär­ke­re Ver­mi­schung von Pri­va­tem und Beruf­li­chem. Die Zei­ten, in denen die schöns­ten Wochen des Jah­res dem völ­li­gen Abschal­ten gewid­met sind, fern­ab von Auf­ga­ben, Ver­ant­wor­tungs­be­rei­chen und Pro­blem­lö­sun­gen, die­se sind vor­bei. Nur: Wenn es kei­ne Tren­nung mehr gibt, wird plötz­lich alles beruf­lich und damit Job rele­vant. Und damit stets invol­vie­rend. Völ­li­ges Abschal­ten? Zumin­dest schwierig.
  • Der Infor­ma­ti­on-Over­load: Eine immer stär­ker digi­ta­li­sier­te Gesell­schaft trans­por­tiert bei vie­len Men­schen auch Unsi­cher­heit. Sie haben das Gefühl, nicht mehr mit­zu­kom­men. Sie füh­len sich über­for­dert, ange­sichts einer kon­ti­nu­ier­lich stei­gen­den Anzahl an Infor­ma­ti­ons­ka­nä­len, Instru­men­ten, Quel­len, Medi­en. Sie fra­gen sich: Wie soll ich die­sen Con­tent-Shock noch ord­nen und für mich bewer­ten, um noch „mit­zu­kom­men“? Auch bei dem Punkt stellt sich eine Art von Frus­tra­ti­on ein, ver­bun­den mit der Angst vor dem Job­ver­lust und dem lang­sam auf­kom­men­den Gefühl, viel­leicht eines Tages nicht mehr gebraucht zu werden.
  • Die mensch­li­che Fer­ne: Dass der Stu­di­en­ort nicht mehr dem Ort der Geburt oder der Schu­le ent­spricht, dar­an haben wir uns gewöhnt. Dass die Arbeits­or­te sich den Lebens­or­ten immer stär­ker ent­kop­peln, setzt noch einen drauf. Mit hohen Aus­wir­kun­gen auf das Leben. Denn die­se Tren­nung stellt enor­me Her­aus­for­de­run­gen für Bezie­hun­gen und für Fami­li­en. Schon heu­te wer­den laut Sta­tis­tik 14 Pro­zent aller Part­ner­schaf­ten in einer Fern­be­zie­hung geführt, in denen einer der Part­ner pen­delt und sich bei­de nur am Wochen­en­de sehen. Der häu­figs­te Grund für die­se Form ist der Job. Whats­App, Sky­pe, dem Face­book Mes­sen­ger oder Face­Time hei­ßen die wich­tigs­ten Bezie­hungs­pfle­ge-Instru­men­te. Aber wo ist die Per­son, die einen auch gera­de in schwie­ri­gen Momen­ten stützt? Aus den dunk­len Gedan­ken reißt? Die ganz nahe ist, wenn das Schwar­ze vor Augen immer pech­schwär­zer wird und kei­ne Licht­strah­len mehr durch­lässt? Die hält, bewahrt, beschützt, auf­rüt­telt, hilft? Und zwar vor Ort?

Wir, die Kräfte-Nagetiere
Der Umwelt die Schuld für die Last zu geben, die zu heben und zu tra­gen ist, das wäre zu ein­fach. Schuld hat an dem „Phä­no­men“ nie­mand, höchs­tens man selbst. Denn wir, die Genera­ti­on, sind es näm­lich auch selbst, die der Situa­ti­on nichts ent­ge­gen set­zen, son­dern sie aktiv fördern.

  • Der dau­ern­de Ehr­geiz: Auch die 40p­lus-Genera­ti­on fühlt sich wei­ter­hin ganz jung. Und sie tut alles dafür, nicht alt zu sein. Der Boom von Fit­ness-Cen­ter-Besu­chern und Fit­ness-App-Down­loads auch bei 40- bis 50-Jäh­ri­gen ist ein gutes Zei­chen dafür. Auch beruf­lich wol­len sie wei­ter­hin alles genau­so so wei­ter­ma­chen wie bis­her. Sie sind ja noch jung. Sie machen sich damit selbst einen gehö­ri­gen Druck, dem sie oft kaum stand­hal­ten kön­nen. Denn sie mer­ken nicht – oder wol­len es zumin­dest nicht wahr­neh­men –, dass sich ihre Kon­di­tio­nen ver­än­dert haben. Und zwar in ers­ter Linie die Kon­di­tio­nen ihres eige­nen Körpers.
  • Der finan­zi­el­le Druck: Nach den Pha­sen der Schu­le und der Uni­ver­si­tät oder Leh­re haben vie­le Men­schen in ihren eige­nen spä­ten 30er-Lebens­jah­ren eine Fami­lie gegrün­det – oder auf jeden Fall sich ein Zuhau­se geschaf­fen. Vie­le die­ser Zukunfts­plä­ne wur­den auf Kre­dit finan­ziert: Eigen­tums­woh­nun­gen, Eigen­hei­me, Fami­li­en­kut­sche, Feri­en­häu­ser. Spä­tes­tens in den unsi­che­ren Pha­sen eines Jobs stellt sich bei Fest­an­ge­stell­ten (Selbst­stän­di­ge ken­nen sol­che Fak­to­ren der Unsi­cher­heit deut­lich näher) natür­lich sofort die Fra­ge, wie der belas­ten­de Kre­dit noch zu bedie­nen ist. Bricht an der Stel­le plötz­lich eine Zukunft wie­der zusam­men, die sie sich über die Jah­re müh­sam auf­ge­baut haben? Eine Zukunft, die auch die eige­ne Fami­lie betrifft? Gera­de sol­che Ängs­te kön­nen in hohem Maße zu Ver­zweif­lung, zur Unru­he, zu nicht geplan­ten Taten füh­ren, die nicht nur das eige­ne Leben zu zer­rei­ßen bedrohen.
  • Die eige­nen Erwar­tun­gen: Der finan­zi­el­le Druck ist wie­der­um oft ver­bun­den mit der Erwar­tung an die eige­ne, natür­lich per­fek­te Fami­lie. Gera­de Män­ner erwar­ten von sich selbst, dass sie ihr alles bie­ten kön­nen. Als Bild nach innen wie nach außen. Hin­zu kommt: Vie­le mir wohl bekann­te Men­schen haben das Ziel in sich ver­in­ner­licht, auf jeden Fall die gesell­schaft­li­che Stel­lung ihrer Eltern zu errei­chen bzw. sie sogar zu über­tref­fen. Sie bau­en sich damit – auch inner­halb der Fami­lie – einen unge­hö­ri­gen Druck auf, dem sie in guten Zei­ten genü­gen kön­nen, von dem sie in schlech­te­ren Zei­ten jedoch schnell erdrückt wer­den. Aus eige­nem Mit-Verschulden.

Out-of-the-Box-Solu­ti­on? Fehlanzeige
Wenn ich mir sol­che Ver­hal­tens­mus­ter vor Augen füh­re – und mei­ne Beschrei­bung ist mit Sicher­heit nur ein klei­ner Aus­zug davon –, dann wer­de ich nach­denk­lich. Nach­denk­lich gegen­über mei­ner eige­nen Genera­ti­on. Nach­denk­lich aber auch gegen­über der Genera­ti­on, die folgt. Denn war­um soll­te sich die­se beschleu­nig­te Ent­wick­lung plötz­lich ent­schleu­ni­gen? Solan­ge wir gewollt oder unge­wollt, intern wie extern solch einen Druck auf uns aus­üben? Fin­den wir dazu noch recht­zei­tig die Brem­se? Oder bezeich­nen wir uns bald alle als Stadt­neu­ro­ti­ker? Mit einem Psy­cho­lo­gen oder Psy­cho­ana­ly­ti­ker als stän­di­gen Beglei­ter? Oder heißt die Lösung „Aus­stei­ger“, was die hohe Beliebt­heit sol­cher TV-Sen­dun­gen erklä­ren könn­te? Also der Traum von einem ande­ren Leben, in dem natür­lich alles schö­ner, ein­fa­cher, lebens­fro­her sein wird …

Wie könn­te eine Lösung in die­sem Dilem­ma aus­se­hen? Gibt es sie über­haupt? Wahr­schein­lich nicht. Zumin­dest nicht als all­ge­mein gül­ti­ge “Out-of-the-Box-Solu­ti­on”. Sicher ist nur: Die­se mei­ne Genera­ti­on muss sich viel bewuss­ter machen, dass ihre Kräf­te begrenzt sind, dass es kein ewi­ges „Wei­ter-so“ geben kann, wenn sie sich nicht in einer Peri­ode ver­mehrt auf­tre­ten­der Kata­stro­phen wie­der­fin­den will. Mäßi­gung, Ent­span­nung, Her­un­ter­kom­men, Durch­at­men, Los­las­sen, auch Slow Media. Statt­des­sen müss­ten so die Begrif­fe eines Lösungs­an­sat­zes hei­ßen. Eigentlich.

Doch wer lässt los, solan­ge er noch nicht gefal­len ist und an das eige­ne „Wei­ter-so“ noch glaubt? Kaum jemand. Was ver­ständ­lich wie trau­rig zugleich ist. Ein Freund erzähl­te mir vor kur­zem: „Mein Vater ist mit gut 60 Jah­ren aus dem Job aus­ge­stie­gen. Dem geht es heu­te noch ganz gut. Wie soll ich es denn noch bis zu mei­ner Ren­te aus­hal­ten? Bis dahin bin ich doch ein Wrack!“

War­um Insta­gram – DRINGEND – Lis­ten benötigt

Insta­gram hat sei­nen eige­nen Algo­rith­mus instal­liert. Für das Unter­neh­men selbst bzw. Papa Face­book im Hin­ter­grund recht logisch. Doch für vie­le bis­he­ri­ge Insta­gram-Fans eher ernüch­ternd. Weil er Bekann­tes betont und Ent­de­ckun­gen ver­birgt. Was das heißt?

Seit eini­gen Wochen bekommt jeder Insta­gram-Nut­zer den neu­en Algo­rith­mus zu spü­ren. Und zwar deut­lich. Denn ähn­lich wie bei Face­book regelt der Insta­gram Algo­rith­mus, wel­che Bil­der und Vide­os der Nut­zer in wel­cher Rei­hen­fol­ge zu sehen bekommt. Auch wenn im Unter­schied zu Papa Face­book kei­ne Bei­trä­ge ver­bor­gen, son­dern nur die Rei­hen­fol­ge ihrer Sicht­bar­keit bestimmt wird, hat dies Fol­gen. Für die Nut­zer. Und zwar kräf­ti­ge. Und nicht immer nur positive.

Wenn ich mir mei­nen eige­nen Insta­gram-Stream anse­he, so sind seit eini­gen Tagen prak­tisch nur noch Bil­der sicht­bar von

  • Per­so­nen, mit denen ich auch auf Face­book regel­mä­ßig inter­agie­re … hal­lo Instagram-Facebook-Verbindung!
  • Accounts, mit denen ich bereits in der Ver­gan­gen­heit inten­siv inter­agiert habe – ob per Likes oder per Comments;
  • Accounts, die in mei­ner regio­na­len Nähe Bil­der posten.

Am häu­figs­ten sehe ich aber Bil­der und Vide­os von Accounts, auf die alle drei Fak­to­ren zutref­fen. Und davon aber maß­los viel Bil­der. Wenn sol­che Accounts hin­ter­ein­an­der oder inner­halb eines kur­zen Zeit­raums bei­spiels­wei­se gleich fünf Bil­der publi­zie­ren, bekom­me ich (fast) alle zu sehen. Ein Resul­tat: Für die letz­ten 100 Bil­der in mei­ner Time­li­ne waren genau 23 Per­so­nen ver­ant­wort­lich. Ist das nicht irgend­wie schade?

Wo ist mei­ne Inspirationsquelle?
Der Algo­rith­mus ist für mich per­sön­lich – ehr­lich gesagt – ziem­li­cher Schrott. Wo ist denn das Insta­gram als Inspi­ra­ti­ons­quel­le geblie­ben? Nein, das ist jetzt kein #mimi­mi-Arti­kel. Nur: Für mich hat der Reiz von Insta­gram immer das Über­ra­schen­de, das Nicht-Plan­ba­re, die plötz­li­chen visu­el­len Emo­tio­nen aus­ge­macht. Dass man Accounts z.B. von Künst­lern oder Foto­gra­fen bewusst abon­niert hat, weil sie einen mit ihren Bil­dern und Vide­os über­rascht, inspi­riert, ein Lächeln auf die Lip­pen gezau­bert haben.

Ich hat­te mich an ihren Wer­ken erfreut — ohne mit ihnen direkt zu inter­agie­ren. Und das ist das Pro­blem, mein Pro­blem: Kei­ne Inter­ak­ti­on, kein Like, kein Kom­men­tar bedeu­tet jetzt kei­ne Sicht­bar­keit mehr. Und schon sind sie — mit dem neu­en Algo­rith­mus — aus mei­nem Blick­feld ver­schwun­den, auch wenn sie noch so viel und schön posten.

Insta­gram sitzt damit – aus mei­ner per­sön­li­chen Sicht – in einer ziem­li­chen Inspi­ra­ti­ons­fal­le. Auf der einen Sei­te ist der Schritt aus Unter­neh­mens­sicht viel­leicht ein wenig nach­voll­zieh­bar, wenn man die Inter­ak­ti­on mit Bekann­tem för­dern will. Nur was macht man auf der ande­ren Sei­te mit Men­schen wie mir, die gucken aber oft­mals nicht inter­agie­ren? Die die Viel­falt von frem­den Insta­gram-Nut­zern, von inter­na­tio­na­len Foto-Künst­lern als das Beson­de­re erkannt hat­ten? Die spie­len für Insta­gram anschei­nend kei­ne Rol­le mehr. So wie ich.

Lis­ten machen glücklich!
Dabei gäbe es eigent­lich eine recht ein­fa­che Lösung: Und die heißt Lis­ten. Übri­gens genau so wie bei Face­book (auch wenn sie noch immer weni­ge Nut­zer ken­nen und inten­siv nut­zen). Lis­ten wür­den eini­ges erleich­tern. Eine Lis­te für Freun­de, für Kol­le­gen, für span­nen­de Fir­men, für Inspi­ra­tio­nen, für beson­de­re Accounts etc. Und alle wären glück­lich: Die Nut­zer, weil sie sich wie­der inspi­rie­ren las­sen kön­nen oder zu inter­agie­ren, und auch Insta­gram übri­gens, da die geziel­te Lis­ten-Kom­mu­ni­ka­ti­on wahr­schein­lich eine deut­lich höhe­re Inter­ak­ti­ons­ra­te mit sich brin­gen wür­de als das bis­he­ri­ge, meist etwas plan­lo­se Scrol­len. Oder ist das so schwer umzusetzen?

Noch habe ich Hoff­nun­gen, dass sich hier etwas tut. Und dies mög­lichst bald. Ansons­ten bin ich weg. Denn die vie­len Bil­der mei­ner Freun­de neben Face­book auch noch bei Insta­gram anzu­se­hen, das brau­che ich wirk­lich nicht. Also tu was, Instagram!

Wenn Illus­tra­tio­nen zur Spra­che werden

Wer das ers­te Mal durch Japan reist, dem fal­len nicht nur die Freund­lich­keit der Men­schen, die Pünkt­lich­keit der Ver­kehrs­mit­tel, die Laut­stär­ke der Video-Außen­wer­bung, das schril­le Fun­keln der Schil­der, das Lär­men der Spiel­sa­lons oder die Höhe der Gebäu­de im Wech­sel mit alt­ehr­wür­di­gen Schrei­nen und stil­len Gär­ten auf, um nur weni­ge Bei­spie­le für die­ses Land der Kon­tras­te zu nen­nen. Schließ­lich ist die Fusi­on aus jahr­hun­der­te­al­ter Tra­di­ti­on und nach vor­ne spru­deln­der Moder­ne, an bedäch­ti­ger Wür­de und gren­zen­lo­ser Schril­le an kaum einem ande­ren Ort der Welt so inten­siv zu beob­ach­ten wie im Land der auf­ge­hen­den Sonne.

Unüber­seh­bar – gera­de für Medi­en- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­leu­te – sind die vie­len son­der­ba­ren Schil­der, die Bewoh­ner wie Tou­ris­ten hin­wei­sen, war­nen, anzie­hen sol­len. Das Beson­de­re: Es sind kei­ne nor­ma­len Schil­der mit nor­ma­len text­li­chen Beschrif­tun­gen und den nor­ma­len pas­sen­den Bil­dern — und dazu noch im nor­ma­len Cor­po­ra­te Design der jewei­li­gen Marke.

Sym­bo­le und Zei­chen statt Texte
Japa­ner pfle­gen viel­mehr eine eige­ne Schil­der-Spra­che, die auf Illus­tra­tio­nen, Zei­chen und Sym­bo­le setzt, die mit Tie­ren und Fan­ta­sie­fi­gu­ren spielt, die aus Zeich­nun­gen und figu­ra­ti­ven Ele­men­ten besteht. Bei Hin­wei­sen auf Spiel­sa­lons oder eine Bar lässt sich die Spra­che noch nach­voll­zie­hen. Nur reicht die­se Kunst­form der Kom­mu­ni­ka­ti­on deut­lich wei­ter: Bau­stel­le betre­ten nicht erlaubt, Will­kom­men in einem Kauf­haus, Wer­bung für eine Karao­ke-Bar oder den loka­len Fuß­ball-Ver­ein, War­nung vor der Erwär­mung der Erd­ober­flä­che und vie­les mehr: Der­ar­ti­ge Auf­for­de­run­gen wer­den nicht in Text- son­dern in Sym­bol­form dar­ge­stellt, wie die fol­gen­den inte­grier­ten Bei­spie­le ver­deut­li­chen. (Lese­tipp: Mehr zur japa­ni­schen Wer­be­kul­tur lässt sich auch in die­ser aus­führ­li­chen Semi­nar-Arbeit nachlesen)

Oft habe ich mich bei mei­ner Rei­se gefragt, wo solch eine Spra­che der Illus­tra­ti­on, der Zei­chen und Sym­bo­le ihre Ursa­che hat. Ange­sichts ihrer Über­trag­bar­keit und Inter­na­tio­na­li­tät könn­te man den­ken, dass dies ein Gefal­len der Japa­ner an ihre aus­wär­ti­gen und meist des Japa­ni­schen nicht geüb­ten Besu­cher ist. Nur dies wäre von ihrer Gast­freund­schaft wohl zuviel ver­langt. Oder ist es die gene­rel­le Ver­bun­den­heit mit der Comic-Spra­che, die sich in der Man­ga-Kul­tur nie­der­schlägt, die einen die gan­ze Rei­se über beglei­tet und wel­che die Süd­deut­sche zu Recht als “unter­schätz­te Kunst­form” bezeich­net? Auch dies über­zeugt mich als Erklä­rung nicht wirk­lich. Aber woher kommt sie dann, die visu­el­le Spra­che? Ehr­lich gesagt, ich als Nicht-Japa­no­lo­ge weiß es nicht.

Ein­satz als Cor­po­ra­te Language?
Mir als Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Mar­ke­ting­mensch stellt sich dafür eine ganz ande­re Fra­ge: Lie­ße sich solch eine — ver­ein­fa­chen­de — spie­le­ri­sche und illus­tra­ti­ve Sym­bol­spra­che nicht als Cor­po­ra­te Lan­guage für eine Mar­ke nut­zen? Bis auf Red Bull mit Ein­schrän­kun­gen ist mir kaum eine Mar­ke bekannt — und damit mei­ne ich kei­ne abge­trenn­te Kam­pa­gne -, die ihre Cor­po­ra­te Lan­guage voll­stän­dig auf Basis sol­cher Sym­bo­le auf­ge­baut und an die­sen aus­ge­rich­tet hat. Selbst eine Mar­ke wie Red Bull hat sicher­lich mit der “Red Bull ver­leiht Flügel”-Kampagne einen visu­ell gepräg­ten Spra­che geschaf­fen, sie dann aber auf das pure Mot­to auch beschränkt.

Je häu­fi­ger ich mir die japa­ni­sche Sym­bol-Spra­che jedoch anse­he und die vie­len Bei­spie­le bewun­de­re, des­to inter­es­san­ter wirkt auf mich der Ansatz. Schließ­lich lie­ße sich auf die Art eine uni­ver­sel­le Spra­che ent­wi­ckeln, die durch ihre stark visu­ell gepräg­ten Ele­men­te und ihre illus­tra­ti­ve Kraft auf der einen Sei­te schnell und ein­fach wahr­nehm­bar wäre, ande­rer­seits ein unver­wech­sel­ba­res Bild einer Mar­ke nach innen wie nach außen zeich­nen könnte.

Ohne Kon­se­quenz kein Erfolg
Nur: War­um macht dies bei uns kaum eine Mar­ke? Gibt es dazu spe­zi­el­le Vor­aus­set­zun­gen, die erfüllt wer­den müs­sen? Sind wir Deut­schen für eine sol­che Sym­bol-Spra­che nicht bereit? Und für wel­che Mar­ken mit ihren Ange­bo­ten und Ser­vices wür­de sich dies am ehes­ten anbie­ten? Jede müss­te sich bewusst sein, dass ein Erfolg — sie­he Bei­spiel von Red Bull — nur dann ein­tre­ten könn­te, wenn solch ein Weg sehr kon­se­quent und vor allem lang­fris­tig geführt wird. Denn nur dann kann es irgend­wann auch für Mar­ken­ver­spre­chen und ‑aus­sa­gen gel­ten, dass Illus­tra­tio­nen wirk­lich “mehr als 1.000 Wor­te sagen”.

Wenn das Social Web plötz­lich pri­vat wird

Wenn das Social Web plötz­lich pri­vat wird

In den letz­ten Mona­ten sind immer wie­der zwei Ent­wick­lun­gen zu beob­ach­ten, die auf­ein­an­der pral­len und doch die zwei Hälf­ten eines neu­en gro­ßen Gan­zen erge­ben: Die ver­stärk­te pas­si­ve Nut­zung der Sozia­len Medi­en und das immer mäch­ti­ge­re Auf­kom­men der Messenger-Kommunikation.

Nicht nur in Deutsch­land son­dern auch welt­weit wer­den Sozia­le Netz­wer­ke wie Face­book & Co. ver­stärkt pas­siv genutzt. Immer mehr Nut­zer fokus­sie­ren sich aus­schließ­lich auf das Beob­ach­ten, das Lesen, das Ver­fol­gen, maxi­mal das Kom­men­tie­ren. Dies zeigt sich nicht nur in meh­re­ren natio­na­len wie inter­na­tio­na­len Stu­di­en wie bei­spiels­wei­se dem Social Media-Atlas von Fak­ten­kon­tor (sie­he Abb.). Die anfangs schlei­chen­de und heu­te immer deut­lich sicht­ba­re­re Ver­än­de­rung im Ver­hal­ten spie­gelt sich auch in allen mei­nen Coa­chings und Semi­na­ren in den ver­gan­ge­nen 12 Mona­ten wie­der. Und die meis­ten hier wer­den dies eben­falls an ihrem eige­nen Ver­hal­ten oder dem ihrer Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen, Freun­de, Part­ner, Kol­le­gen beob­ach­ten können.

Infografik: Passiv im sozialen Netz | Statista

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Dazu kommt: Je jün­ger die Men­schen sind, des­to radi­ka­ler und ein­deu­ti­ger ist der Schwenk zu erken­nen. Vie­le von ihnen haben bei­spiels­wei­se Face­book nicht ver­las­sen, wie immer wie­der ger­ne geschrie­ben wird; sie haben sich viel­mehr in die Pas­si­vi­tät zurück­ge­zo­gen. Ganz ver­ein­facht gesagt heißt es für sie und für immer mehr Men­schen: Pos­ten und erzäh­len ist “out”, lesen und angu­cken bleibt “in”. Solch eine Aus­sa­ge gilt jedoch nur für den öffent­li­chen Raum.

Das Begeh­ren nach pri­va­ter Kommunikation
Denn auf der ande­ren Sei­te sind die Mes­sen­ger-Diens­te wei­ter mas­siv am wach­sen. Ihre Erfolgs­rei­se nach oben scheint kein Ende und kei­ne Gren­zen zu fin­den. Hun­der­te Mil­lio­nen bis Mil­li­ar­den Nut­zer haben Whats­App, Face­book Mes­sen­ger, WeChat, Line, Wire, Three­ma, Tele­gram oder auch Snap­chat instal­liert, um die Chat-Kanä­le vor allem für ihre pri­va­te Kom­mu­ni­ka­ti­on zu nut­zen. Ten­denz wei­ter wachsend.

“Die Zei­ten sind dem­nach vor­bei, in denen User in den Social Media alles von sich preis­ge­ben. Unge­niert ihre Bil­der, Anek­do­ten und Geschich­ten pos­ten oder sich öffent­lich mit ande­ren Nut­zern kon­struk­tiv aus­tau­schen. Inter­es­siert doch sowie­so kei­ne Sau”, schreibt Ste­fan Schütz auf Ziel­bar. Plötz­lich steht das Begeh­ren nach einer deut­lich pri­va­te­ren, per­sön­li­che­ren, indi­vi­du­el­le­ren, ja inti­me­rer Kom­mu­ni­ka­ti­on im Vor­der­grund. Und genau dafür bie­ten die viel­fäl­ti­gen Mes­sen­ger das per­fek­te Werk­zeug. Gut lässt sich damit der Run auf Whats­App & Co. erklä­ren, war­um allein die Face­book-Toch­ter mit rund 40 Mil­lio­nen Nut­zer in Deutsch­land eine der­art hohe Beliebt­heit genießt, war­um selbst Daten­schutz­be­den­ken bei der täg­li­chen Nut­zung kaum eine Rol­le spie­len und war­um sich die Mes­sen­ger gleich­zei­tig per Update den Nut­zer­wün­schen stän­dig neu anzu­pas­sen und gerecht zu wer­den ver­su­chen. Schließ­lich schläft die Kon­kur­renz auf dem immer här­te­ren Markt nicht.

Von der Many-to-Many zu One-to-One
Bei­de nur schein­bar gegen­sätz­li­che Ent­wick­lun­gen las­sen sich unter einen gemein­sa­men Nen­ner stel­len: Die Men­schen ver­la­gern ihre Kom­mu­ni­ka­ti­on aus der Öffent­lich­keit ins Pri­va­te. Oder wie es in der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­spra­che heißt: Von einer Many-to-Many- zu einer One-to-One-Kom­mu­ni­ka­ti­on oder maxi­mal einer One-to-Many-Kom­mu­ni­ka­ti­on. Um die­se drei Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­ge kurz zu klä­ren: “One-to-One ” beschreibt den Infor­ma­ti­ons­aus­tausch zwei­er Indi­vi­du­en wie beim E‑Mail-Ver­kehr oder bei einem Mes­sen­ger, wie in Gesprä­chen, in einer Bera­tung oder beim Kun­den­ser­vice. “One-to-Many” bezeich­net die Kom­mu­ni­ka­ti­on von einer Per­son mit meh­re­ren wie beim E‑Mail-News­let­ter oder bei den Broad­cast-Lis­ten von Whats­App. Die kom­ple­xes­te Form ist die “Many-to-Many-Kom­mu­ni­ka­ti­on”, bei der gera­de in Netz­wer­ken vie­le mit vie­len kommunizieren.

Über vie­le Jah­re hin­weg war eigent­lich „Many-to-Many” der Inbe­griff ins­be­son­de­re für das Social Web. Gera­de in den Sozia­len Netz­wer­ken tausch­ten sich vie­le mit vie­len ande­ren zu The­men oder betei­lig­ten sich an Dis­kus­sio­nen. Die Men­schen hat­ten fest­ge­stellt, wie es Pro­fes­sor Peter Kru­se ist sei­nem legen­dä­ren Kurz­vor­trag vor der Enquê­te-Kom­mis­si­on des Deut­schen Bun­des­ta­ges sag­te, dass es auch span­nend sei, sich im Netz­werk dar­zu­stel­len und Spu­ren zu hin­ter­las­sen. Und dies öffent­lich. Doch was pas­siert nun?

Snaps sind die pri­va­ten Chats
Die Men­schen begin­nen gera­de, ihre Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ak­ti­vi­tä­ten immer stär­ker von der öffent­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on – was ins­be­son­de­re den Bran­chen­rie­sen Face­book betrifft – in geschlos­se­ne, pri­va­te Berei­che zu ver­schie­ben, wo sie sich mit ein­zel­nen Freun­den indi­vi­du­ell oder maxi­mal inner­halb von Grup­pen mit aus­ge­wähl­ten Mit­glie­dern und damit Gleich­ge­sinn­ten aus­tau­schen. Plötz­lich domi­niert damit die per­sön­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on, das „One-to-One“ im Social Web – abge­se­hen von den wei­ter­hin belieb­ten Grup­pen. Keh­ren wir damit – zumin­dest ein biss­chen – zu den Anfän­gen der Kom­mu­ni­ka­ti­on zurück? Und wie müs­sen die Orga­ni­sa­tio­nen dar­auf reagieren?

Auf der einen Sei­te hat dies Face­book selbst erkannt und will den Bei­trä­gen der eige­nen Freun­de wie­der eine grö­ße­re Sicht­bar­keit geben – zu Las­ten der Unter­neh­men. Doch wird dies Nut­zer dazu bewe­gen, sich mit ihren Inhal­ten wie­der ver­stärkt der Öffent­lich­keit zuzu­wen­den? Ich habe mei­ne Zweifel.

Auf der ande­ren Sei­te set­zen sich immer mehr Unter­neh­men, Insti­tu­tio­nen, Medi­en mit Whats­App-Ser­vices und Mes­sen­ger-Chat­bots aus­ein­an­der, um über den Weg die Nut­zer in ihrer neu­en pri­va­ten Umge­bung zu errei­chen. Doch Vor­sicht: Bis auf die Teil­neh­mer der Social Media Bub­ble nutzt die aller­größ­te Mehr­heit die Mes­sen­ger rein im pri­va­ten Umfeld. Bei­spiel Snap­chat: Wer mit jün­ge­ren Nut­zern spricht, dem fällt eines auf: Die Snap­chat Sto­ries oder der Dis­co­ver Bereich spie­len für sie kaum eine Rol­le. Statt­des­sen ver­sen­den sie hun­der­te, manch­mal sogar tau­sen­de Snaps pro Tag an ihre Freun­de – also wie­der pures One-to-One. Für sie sind die kur­zen Bil­der die Sto­ries in ihrem ganz pri­va­ten Chat. Nur was pas­siert, wenn sich jetzt immer mehr Unter­neh­men dazwi­schen schal­ten wollen?

Res­sour­cen, Res­sour­cen, Ressourcen
Ich habe den Ein­druck, dass sich Orga­ni­sa­ti­on künf­tig dar­auf kon­zen­trie­ren müs­sen, die Bedürf­nis­se ihrer Nut­zer noch stär­ker ken­nen zu ler­nen – Stich­wort lebens­lan­ge Sta­ke­hol­der-Ana­ly­se. Sie müs­sen akzep­tie­ren, dass die Nut­zer sie bei ihren Gesprä­chen nicht dabei haben wol­len. Wenn sie sich den­noch ein­mi­schen und unge­schickt dazwi­schen drän­gen, zie­hen sich die Nut­zer zurück – zu einem ande­ren der täg­lich neu ent­ste­hen­den Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­le. Par­al­lel müs­sen sie viel genau­er und schnel­ler als bis­her erken­nen, an wel­chen Stel­len sie auf deren indi­vi­du­el­le Bedürf­nis­se, auf deren drin­gen­de Fra­gen, auf deren rele­van­te Wün­sche mit wirk­li­chem Mehr­wert reagie­ren können.

Dies stellt sie wie­der­um vor zwei eng ver­bun­de­ne Her­aus­for­de­run­gen: Um Fra­gen und Bedürf­nis­se erken­nen und beant­wor­ten zu kön­nen, wer­den sie sich immer mehr von grö­ße­ren Ziel­grup­pen ver­ab­schie­den müs­sen, son­dern sich statt­des­sen auf kleins­te Micro-Ziel­grup­pen bis hin zum indi­vi­du­el­len Dia­log fokus­sie­ren. Ob sie die­se dann per Ser­vice-Bot, per Mes­sen­ger-Chat, per Whats­App-Broad­cast-Lis­te, per Siri oder per tra­di­tio­nel­lem E‑Mailing bedie­nen, spielt eine weit­aus gerin­ge­re Bedeutung.

Viel wich­ti­ger ist bei der Ent­wick­lung die zwei­te Her­aus­for­de­rung: Unter­neh­men und Insti­tu­tio­nen wer­den mas­siv an Res­sour­cen zule­gen müs­sen, um indi­vi­du­el­le Bedürf­nis­se zu erken­nen, zu ana­ly­sie­ren und die­se dann auch im Dia­log und dazu kon­ti­nu­ier­lich befrie­di­gen zu kön­nen. Ansons­ten wer­den sie nicht mehr wahr­ge­nom­men – ob als One-to-One‑, als One-to-Many- oder als Many-to-Many-Partner.

 

***** VORMERKEN: Neu­es Strategie-Buch *****
Domi­nik Rui­sin­ger: Die digi­ta­le Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gie. Pra­xis-Leit­fa­den für Unter­neh­men; mit Case-Stu­dies und Exper­ten-Bei­trä­gen; für eine Kom­mu­ni­ka­ti­on in digi­ta­len Zei­ten. ab 11/​2016, Schäf­fer-Poeschel Ver­lag, hier vor­be­stel­len.

Mein Wunsch­zet­tel an Dich, lie­be Deut­sche Bahn

Mein Wunsch­zet­tel an Dich, lie­be Deut­sche Bahn

Mei­ne lie­be Deut­sche Bahn,

ich mag dich wirk­lich. Und das ist auch genau so und ernst gemeint. Denn du gibst dir Mühe, viel Mühe. An vie­len Stel­len. Und hast auch mir in der Ver­gan­gen­heit oft gehol­fen. Gera­de wenn du selbst Feh­ler gemacht hast. Nur: Nach rund zwei Wochen Japan hät­te ich doch eini­ge ganz kon­kre­te, kon­struk­ti­ve Vor­schlä­ge, wie du dei­nen Freund, also mich, und all dei­ne ande­ren Freun­de, die guten Bekann­ten, aber auch dei­ne Geg­ner — die du immer unter dem Begriff “Kun­den” sub­su­mierst – *(Klei­ner Tipp: Hast du schon mal das Clue­train Mani­fest gele­sen? Ist lehr­rei­cher als vie­le noch so gut gemein­te Cor­po­ra­te Lan­guage Lehr­fil­me) – noch zufrie­de­ner stel­len könn­test. Um mich auf künf­ti­ge Ver­än­de­run­gen bei dir bes­ser ein­stel­len zu kön­nen, wäre es ganz super, wenn du mit­tei­len könn­test, ob, bis wann und wenn nicht war­um du wel­che Vor­schlä­ge anneh­men und umset­zen wirst. Du willst unse­re Freund­schaft doch pfle­gen, oder?

1. Freund­lich­keit. 
Der Kun­de ist in Japan nicht König. Er ist Gott. Und das wird gezeigt – durch eine extrem hohe Per­so­nal­prä­senz und das höchs­te Maß an Freund­lich­keit. Kaum ver­weilt man eine Sekun­de unent­schlos­sen am Bahn­hof, hat man schon einen Hel­fer an sei­ner Sei­te, selbst wenn sich des­sen Eng­lisch-Kennt­nis­se teils auf ein freund­li­ches Lächeln beschrän­ken. Gera­de die­se Prä­senz ver­bun­den mit einem höchs­ten Maß an Hilfs­be­reit­schaft wür­de ich mir von dir erwün­schen, wenn ich das nächs­te Mal etwas ver­lo­ren auf dem Bahn­gleis her­um­ste­he – bei einer dei­ner berühmt-berüch­tig­ten Wagen­än­de­run­gen oder einer Ver­spä­tung, bei­des übri­gens völ­lig undenk­bar hier in Japan.

2. Pünkt­lich­keit. 

Übersichtlicher Wagenanzeiger in Tokyo, Japan

Über­sicht­li­cher Wagen­an­zei­ger in Tokyo, Japan

Ich hat­te schon im Vor­feld eini­ges über die Pünkt­lich­keit von Japans Ver­kehrs­mit­teln – ob Bahn oder Sub­way – gehört. Das Vor­ort-Ergeb­nis hat die­sen Ein­druck wei­ter ver­stärkt. In den knapp zwei Wochen mei­nes Auf­ent­hal­tes habe ich kei­nen ein­zi­gen Zug mit Ver­spä­tung erlebt. So ist es nicht über­ra­schend, dass es den bekann­ten Spruch “Wir möch­ten uns für die Ver­spä­tung und die damit ver­bun­de­nen Unan­nehm­lich­kei­ten ent­schul­di­gen” hier nicht zum Wort­schatz zählt.

War­um mir das so wich­tig ist? Bei mei­ner letz­ten geschäft­li­chen Rei­se kurz vor mei­ner Japan-Rei­se kos­te­te mich eine dei­ner Wei­chen­um­stel­lun­gen mal wie­der ein Mee­ting samt Din­ner. Was ler­nen wir also dar­aus: Pünkt­lich­keit = Ver­läss­lich­keit = zufrie­de­ne Kun­den = stär­ke­re Mul­ti­pli­ka­to­ren = mehr Kun­den = höhe­re Umsät­ze. Das rech­net sich also doch, oder? Vor allem lie­fert dies einen deut­lich höhe­ren und dazu rele­van­ten ROI im Ver­gleich bei­spiels­wei­se zu all dei­nen Social Media Akti­vi­tä­ten — auch wenn sol­che Ver­glei­che natür­lich hinken.

3. Orga­ni­sa­ti­on.

Japanischer Bahnhof mit einfacher Orientierung beim Einstieg

Japa­ni­scher Bahn­hof mit ein­fa­cher Ori­en­tie­rung beim Einstieg

Eine ver­än­der­te Wagen-Rei­hen­fol­ge ist für vie­le eurer Kun­den ein gro­ßes Ärger­nis. Auch für mich. Sorgt sie auf Bahn­stei­gen stets für Unru­he, Cha­os, Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit – und das gleich zum Start der Rei­se. Ger­ne übri­gens in Kom­bi­na­ti­on mit aus­ge­fal­le­nen Sitzplatzreservierungen.

Wer will denn so auf Rei­sen gehen?!

Bei­des in Japan prak­tisch aus­ge­schlos­sen. Bereits auf dem Bahn­gleis ist auf dem Boden in Zah­len und Sym­bo­len genau ange­ge­ben, wo sich der ver­ehr­te Gast anstel­len soll – und genau dort wird der Zug auch halten.

Übri­gens: Je nach Zug­art mit unter­schied­li­chen Sym­bo­len auf dem Boden oder mit Extra-Berei­chen nur für Frauen.

Bahnhof in Japan: Eintritt hier nur für Frauen.

Frau­en­freund­li­cher Bahn­hof in Japan: Ein­tritt hier nur für Frauen.

Die Ori­en­tie­rung kann wirk­lich so ein­fach sein. Fän­dest du doch selbst super, oder? Die Wagen müss­ten dazu nur in ihrer ursprüng­li­chen Zahl und Rei­hen­fol­ge belas­sen wer­den. Das kann doch nicht so schwer sein, oder lie­ge ich da etwa falsch?

4. Sau­ber­keit.
Apro­pos War­ten. Wäh­rend ich drau­ßen am Bahn­gleis mit allen ande­ren wie auf einer Schnur auf­ge­reiht und ohne Ellen­bo­gen-Ein­satz dar­auf war­te, in mei­nen Wagen 4 ein­ge­las­sen zu wer­den, wird im Zug selbst noch her­um­ge­wu­selt. War­um? Die Putz­ko­lon­ne ist im Ein­satz. Jeder star­ten­de Zug muss blitz­blank sau­ber sein. Schließ­lich sol­len wir Pas­sa­gie­re uns doch wohl füh­len. Dazu zählt bei­spiels­wei­se auch, dass alle Japa­ner ihren – falls vor­han­de­nen – mit­ge­brach­ten Müll ent­we­der in die Müll­ei­mer in den Zwi­schen­ab­tei­len wer­fen oder ihn wie­der mit­neh­men. Ver­dreck­te Sitz­plät­ze, über­quel­len­de Müll­ei­mer, über­füll­te Net­ze — nein, nie­mals. Aber ich weiß, das ist nicht nur dein Ding. Das ist eher eine Fra­ge an die Kin­der­stu­be vie­ler Mit­rei­sen­den .… Wäre das nicht mal eine Kam­pa­gne wert, die auch dir selbst einen Mehr­wert bie­ten würde?

5. Bequem­lich­keit.

Beinfreiheit im Shinkansen auf dem Weg von Tokyo nach Kyoto

Japa­ni­sche Bahn: Bein­frei­heit im Shink­an­sen auf dem Weg von Tokyo nach Kyoto

Du bist mir schon viel lie­ber als die Flug­li­ni­en. In deren Ölsar­di­nen-Dosen ist es immer so furcht­bar eng. Dein Sar­di­nen-Käfig ist im direk­ten Ver­gleich schon etwas beque­mer, nur: Saßt du mal auf einem Sitz in einem japa­ni­schen Zug? Wie ich in einem Shin­ka­sen von Tokyo nach Kyo­to? Hast du dich rich­tig aus­ge­streckt? Und es selbst bei dei­ner enor­men Kör­per­grö­ße nicht geschafft, mit den Knien an den Vor­der­sitz anzu­sto­ßen? Ist das nicht ein tol­les Gefühl?

Die­se Bein­frei­heit könn­ten wir alle in dei­nem ICE oder sogar einem älte­ren IC genie­ßen. Du müss­tet dich nur bei der nächs­ten Wagen­be­stuh­lung ein­fach an den Fens­tern ori­en­tie­ren – und ein paar Pro­zen­te Pro­fit gegen ein hohes Maß an Glück ein­tau­schen. Dies hät­te den schö­nen Neben­ef­fekt, dass jeder Gast zum Fens­ter raus­schau­en kann und nicht an die Sei­ten­wand bli­cken muss. Denn das ist doch auch blöd, fin­dest du nicht auch, lie­be Bahn?

Mein lie­ber Freund, es ist auch in Japan nicht alles Gold. Der Kaf­fee schmeckt genau­so übel wie bei euch. Aber Japan ist ja auch Tee­land. Beim Kaf­fee soll­test du dich bes­ser an der Schwei­zer SBB mit Ori­gi­nal Lavaz­za-Kaf­fee (okay, es gibt lecke­re Mar­ken) oder an der ita­lie­ni­schen Tre­ni­ta­lia ori­en­tie­ren. Die machen die Fahrt zum Kaf­fee-Genuss … Aber das ist eine ande­re Geschich­te. Und auch WLAN ist in den japa­ni­schen Bah­nen erst in der nagel­neu­en Ver­si­on vor­ge­se­hen, die gera­de lang­sam aus­ge­rollt wird. Ach kur­ze Fra­ge: Wann ist es denn bei dir soweit?

Du liest schon: Es ist wirk­lich nicht schwer, mich als dein Freund und die vie­len ande­ren glück­lich zu stim­men. Du musst es nur wol­len. Und wenn du mir zumin­dest die­se klei­ne Wunsch­lis­te erfül­len wür­det, dann wäre ich glück­lich. Und das willst du doch auch, oder?

Dein Freund Dominik