Eine über­for­der­te Genera­ti­on?! Ein nach­denk­li­cher Blick auf „uns“.

 

Nach­denk­lich wür­de ich die Pha­se nen­nen, die ich der­zeit durch­le­be. Sehr nach­denk­lich. Vie­les pas­siert gera­de um mich her­um. In mei­nem direk­ten pri­va­ten Umfeld. Auf­re­gen­des und Auf­wüh­len­des zugleich. Die Digi­ta­li­sie­rung mit ihrer Viel­falt an Mög­lich­kei­ten und Instru­men­ten spielt ihre Rol­le. Aber eher als Ver­stär­ker und Beschleu­ni­ger. Für eine über­for­der­te und sich selbst über­for­dern­de Genera­ti­on. Doch um was geht es kon­kret? Oder anders gefragt: Wor­an krankt die Grup­pe?

Freun­de, die mit einem Schlag­an­fall zusam­men­bre­chen, die sich selbst in psy­cha­t­ri­sche Kli­ni­ken ein­wei­sen, die ihren hoch bezahl­ten Stress-Job gegen einen qua­li­ta­tiv schlich­te­ren ein­lö­sen, die vor dem Hin­ter­grund hoch anspruchs­vol­ler Auf­ga­ben nicht mehr schla­fen, die sich von Depres­sio­nen geplagt aus dem Fens­ter stür­zen, die sich angst­voll vor der nächs­ten E‑Mail fürch­ten, die ihren Psych­ia­ter als stän­di­gen Beglei­ter benö­ti­gen, um wie­der den eige­nen Weg zu fin­den oder die eines Tages aus­bre­chen, auf­bre­chen und aus­stei­gen.

Alles real. Alles Per­so­nen zwi­schen 40 und 50 Jah­ren. Alles Ange­stell­te, Bereichs­lei­ter, Geschäfts­füh­rer. Meist mit Ver­ant­wor­tung für sich und für ande­re. Mit Anfor­de­run­gen, vor denen sie plötz­lich kapi­tu­lie­ren. Weil sie sich über­for­dert füh­len. Weil sie am Ran­de ihrer Kräf­te sind. Weil sie nicht mehr kön­nen. Weil sie immer weni­ger wei­ter­wis­sen. Dann ist der Moment da, der mit einem Schlag vie­les ver­än­dert: Das eige­ne Leben, die Fami­lie, die Umge­bung, die Exis­tenz. Ja, es läuft etwas falsch in unse­ren Leben. Zumin­dest bei vie­len. So erle­be ich der­zeit das Umfeld mei­nes eige­nen Lebens.

Die USA als „Vor­bild“
Vie­le die­ser Brü­che sind geket­tet an eine ver­än­der­te Arbeits­welt. Die Zei­ten, in denen man noch einen Beruf ergriff und ihn dann sein Leben lang aus­führ­te, ja, die Zei­ten sind vor­bei. Und dies ins­be­son­de­re seit mei­ner Genera­ti­on. Also von Men­schen, die heu­te grob zwi­schen 40 und 50 Jah­ren alt sind. Wäh­rend sich noch die gro­ße Mehr­heit unse­rer Eltern, Groß­el­tern, Onkel und Tan­ten in ihrem Berufs­le­ben höchs­tens ein­mal von ihrem Job trenn­te – oder aber unge­wollt getrennt wur­de –, gel­ten sol­che Men­schen heut­zu­ta­ge als aus­ster­ben­de Spe­zi­es. Für alle ande­ren gilt: Ges­tern dort, heu­te hier, mor­gen da. Zu Las­ten oft von sich selbst und ihrem direk­ten Umfeld; und übri­gens damit auch ihrer Arbeit­ge­ber. Und mit einer zu tra­gen­den Last aus­ge­stat­tet, deren Gewicht sie sich erst spät bewusst wer­den. Und häu­fig deut­lich zu spät.

Ich kann mich noch gut erin­nern, dass wir vor rund zwei Jahr­zehn­ten mit etwas Ver­wun­de­rung – in die sich Bewun­de­rung wie Ver­wir­rung misch­te – auf den US-ame­ri­ka­ni­schen Arbeits­markt blick­ten. Mit­ar­bei­ter wech­sel­ten dort äußerst häu­fig ihren Arbeits­platz, gewollt wie unge­wollt. Alle zwei bis drei Jah­re. „Hire and Fire“ nann­te sich das. Auf der einen Sei­te trug dazu die schwa­che arbeits­recht­li­che Arbeit­neh­mer-Posi­ti­on bei, die von ihren Arbeit­ge­bern ohne Anga­be von Grün­den leicht und schnell gefeu­ert wer­den konn­ten. Auf der ande­ren Sei­te galt gera­de für eine jün­ge­re, gut aus­ge­bil­de­te, nach­drän­gen­de Genera­ti­on das län­ge­re Ver­har­ren auf einem Job als Zei­chen, dass man nicht nach oben woll­te, dass man kei­nen Ehr­geiz hat­te, dass man nicht an sich selbst glaub­te. Das Ergeb­nis war ein „Hire and Fire“ – aber intern wie extern pro­vo­ziert.

Wenn Anfor­de­run­gen an der Kraft nagen
Eine ähn­li­che Ent­wick­lung lässt sich immer stär­ker bei uns in Deutsch­land beob­ach­ten. Und auch hier mit inter­nen wie exter­nen Beweg­grün­den ver­bun­den. Vie­le jün­ge­re Men­schen neh­men das dau­er­haf­te Wech­sel­spiel als ihren per­sön­li­chen Chan­ge- und Ent­wick­lungs­pro­zess an. Ein befreun­de­ter Agen­tur­chef bezeich­net sein Unter­neh­men sogar bereits als „eine pure Stu­fe auf einer Kar­rie­re­lei­ter“. Vie­le jün­ge­re Arbeit­neh­mer wür­den kom­men, aus­ge­bil­det wer­den, ein­ge­ar­bei­tet wer­den und bald schon wie­der nach etwas Neu­em stre­ben. Ganz anders das Bild bei vie­len älte­ren Arbeit­neh­mern, auch bei Selbst­stän­di­gen. Sie füh­len sich über­for­dert, mit den immer schnel­le­ren Ver­än­de­run­gen umzu­ge­hen.

Ich ken­ne heu­te vie­le, bei denen der Satz „Wie soll ich das heu­te noch alles schaf­fen“ zu einem täg­li­chen zen­tra­len Leit­spruch gewor­den ist. Als eine Art Hil­fe­ruf, weil sie vie­len Anfor­de­run­gen immer schwie­ri­ger und müh­sa­mer genü­gen kön­nen. Nur, was nagt und kratzt kon­kret an ihren Kräf­ten?

  • Das Alter: Dass mit 40 bis 50 Jah­ren die Anstren­gun­gen im Berufs­all­tag nicht mehr ganz so spur­los weg­ge­steckt wer­den wie mit Mit­te 20, das ist ver­ständ­lich und nach­voll­zieh­bar. Die Jah­re auf dem Buckel haben Spu­ren hin­ter­las­sen, Ener­gie­re­ser­ven sind stark aus­ge­schöpft. Die Wahr­neh­mungs- und Ver­ar­bei­tungs­fä­hig­keit haben nicht mehr die vor Kraft strot­zen­de Inten­si­tät wie not­wen­di­ge Leich­tig­keit, die sie einst hat­ten. Und das ist zu spü­ren. Gera­de bei für den Geist und für die See­le anspruchs­vol­len Auf­ga­ben.
  • Die Kon­kur­renz: (Fast) Jeder Mit­ar­bei­ter ist ersetz­bar. Von Maschi­nen oder von Men­schen. Und vor allem dann ersetz­bar, wenn die ande­re Per­son jün­ger, fit­ter und gut qua­li­fi­ziert ist. Plötz­lich merkt der Arbeit­neh­mer, der Selbst­stän­di­ge, der Free­lan­cer, dass der Begriff „Erfah­rung“ doch nicht ein so hohes Gut ist, als was er oft­mals beschrie­ben und geprie­sen wird. Wenn die Kon­kur­renz hin­ter dem Arbeits­stuhl drückt, so trägt es bei den meis­ten nicht gera­de zu einer Beru­hi­gung des eige­nen Ner­ven­kos­tüms bei.
  • Die Erreich­bar­keit: Arbeit­neh­mer sind heu­te für ihre Jobs immer da. Selbst in den Feri­en. Laut einer Stu­die sind 60 Pro­zent der Füh­rungs­kräf­te auch im Urlaub erreich­bar. Das ist irgend­wie auch nach­voll­zieh­bar. Schließ­lich wol­len sie sicher gehen, dass die Geschäf­te auch wäh­rend ihrer Abwe­sen­heit wei­ter­hin gut lau­fen. Nur gilt dies auch für sons­ti­ge Arbeit­neh­mer. Einer Umfra­ge des Bran­chen­ver­ban­des Bit­kom zu Fol­ge sind 67 Pro­zent der Arbeit­neh­mer im Urlaub für ihren Arbeit­ge­ber zu errei­chen. Dabei ste­hen laut Bun­des­ur­laubs­ge­setz — was es für Geset­ze gibt! — jedem Arbeit­neh­mer min­des­tens vier Wochen arbeits­freie Zeit zu, um sich zu erho­len. Schon mit Anru­fen wird der Urlaubs­zweck gestört. Nur wer beschwert sich? Nie­mand. Die Über­all-und-Immer-Erreich­bar­keit ist für vie­le fast schon nor­mal. Hin­zu kommt: Jeder drit­te Beschäf­tig­te ist sich unsi­cher, ob Kol­le­gen oder Vor­ge­setz­te von ihm erwar­ten, dass er in der Frei­zeit auf ihre Kon­takt­ver­su­che reagiert. Also nimmt er doch lie­ber die Erreich­bar­keit gleich in Kauf.
  • Das Ende des Pri­va­ten: Die dau­ern­de Erreich­bar­keit ist eng mit einem wei­te­ren Phä­no­men zu sehen, unter dem unse­re Genera­ti­on lei­det – ob bewusst oder unbe­wusst. Die immer stär­ke­re Ver­mi­schung von Pri­va­tem und Beruf­li­chem. Die Zei­ten, in denen die schöns­ten Wochen des Jah­res dem völ­li­gen Abschal­ten gewid­met sind, fern­ab von Auf­ga­ben, Ver­ant­wor­tungs­be­rei­chen und Pro­blem­lö­sun­gen, die­se sind vor­bei. Nur: Wenn es kei­ne Tren­nung mehr gibt, wird plötz­lich alles beruf­lich und damit Job rele­vant. Und damit stets invol­vie­rend. Völ­li­ges Abschal­ten? Zumin­dest schwie­rig.
  • Der Infor­ma­ti­on-Over­load: Eine immer stär­ker digi­ta­li­sier­te Gesell­schaft trans­por­tiert bei vie­len Men­schen auch Unsi­cher­heit. Sie haben das Gefühl, nicht mehr mit­zu­kom­men. Sie füh­len sich über­for­dert, ange­sichts einer kon­ti­nu­ier­lich stei­gen­den Anzahl an Infor­ma­ti­ons­ka­nä­len, Instru­men­ten, Quel­len, Medi­en. Sie fra­gen sich: Wie soll ich die­sen Con­tent-Shock noch ord­nen und für mich bewer­ten, um noch „mit­zu­kom­men“? Auch bei dem Punkt stellt sich eine Art von Frus­tra­ti­on ein, ver­bun­den mit der Angst vor dem Job­ver­lust und dem lang­sam auf­kom­men­den Gefühl, viel­leicht eines Tages nicht mehr gebraucht zu wer­den.
  • Die mensch­li­che Fer­ne: Dass der Stu­di­en­ort nicht mehr dem Ort der Geburt oder der Schu­le ent­spricht, dar­an haben wir uns gewöhnt. Dass die Arbeits­or­te sich den Lebens­or­ten immer stär­ker ent­kop­peln, setzt noch einen drauf. Mit hohen Aus­wir­kun­gen auf das Leben. Denn die­se Tren­nung stellt enor­me Her­aus­for­de­run­gen für Bezie­hun­gen und für Fami­li­en. Schon heu­te wer­den laut Sta­tis­tik 14 Pro­zent aller Part­ner­schaf­ten in einer Fern­be­zie­hung geführt, in denen einer der Part­ner pen­delt und sich bei­de nur am Wochen­en­de sehen. Der häu­figs­te Grund für die­se Form ist der Job. Whats­App, Sky­pe, dem Face­book Mes­sen­ger oder Face­Time hei­ßen die wich­tigs­ten Bezie­hungs­pfle­ge-Instru­men­te. Aber wo ist die Per­son, die einen auch gera­de in schwie­ri­gen Momen­ten stützt? Aus den dunk­len Gedan­ken reißt? Die ganz nahe ist, wenn das Schwar­ze vor Augen immer pech­schwär­zer wird und kei­ne Licht­strah­len mehr durch­lässt? Die hält, bewahrt, beschützt, auf­rüt­telt, hilft? Und zwar vor Ort?

Wir, die Kräf­te-Nage­tie­re
Der Umwelt die Schuld für die Last zu geben, die zu heben und zu tra­gen ist, das wäre zu ein­fach. Schuld hat an dem „Phä­no­men“ nie­mand, höchs­tens man selbst. Denn wir, die Genera­ti­on, sind es näm­lich auch selbst, die der Situa­ti­on nichts ent­ge­gen set­zen, son­dern sie aktiv för­dern.

  • Der dau­ern­de Ehr­geiz: Auch die 40p­lus-Genera­ti­on fühlt sich wei­ter­hin ganz jung. Und sie tut alles dafür, nicht alt zu sein. Der Boom von Fit­ness-Cen­ter-Besu­chern und Fit­ness-App-Down­loads auch bei 40- bis 50-Jäh­ri­gen ist ein gutes Zei­chen dafür. Auch beruf­lich wol­len sie wei­ter­hin alles genau­so so wei­ter­ma­chen wie bis­her. Sie sind ja noch jung. Sie machen sich damit selbst einen gehö­ri­gen Druck, dem sie oft kaum stand­hal­ten kön­nen. Denn sie mer­ken nicht – oder wol­len es zumin­dest nicht wahr­neh­men –, dass sich ihre Kon­di­tio­nen ver­än­dert haben. Und zwar in ers­ter Linie die Kon­di­tio­nen ihres eige­nen Kör­pers.
  • Der finan­zi­el­le Druck: Nach den Pha­sen der Schu­le und der Uni­ver­si­tät oder Leh­re haben vie­le Men­schen in ihren eige­nen spä­ten 30er-Lebens­jah­ren eine Fami­lie gegrün­det – oder auf jeden Fall sich ein Zuhau­se geschaf­fen. Vie­le die­ser Zukunfts­plä­ne wur­den auf Kre­dit finan­ziert: Eigen­tums­woh­nun­gen, Eigen­hei­me, Fami­li­en­kut­sche, Feri­en­häu­ser. Spä­tes­tens in den unsi­che­ren Pha­sen eines Jobs stellt sich bei Fest­an­ge­stell­ten (Selbst­stän­di­ge ken­nen sol­che Fak­to­ren der Unsi­cher­heit deut­lich näher) natür­lich sofort die Fra­ge, wie der belas­ten­de Kre­dit noch zu bedie­nen ist. Bricht an der Stel­le plötz­lich eine Zukunft wie­der zusam­men, die sie sich über die Jah­re müh­sam auf­ge­baut haben? Eine Zukunft, die auch die eige­ne Fami­lie betrifft? Gera­de sol­che Ängs­te kön­nen in hohem Maße zu Ver­zweif­lung, zur Unru­he, zu nicht geplan­ten Taten füh­ren, die nicht nur das eige­ne Leben zu zer­rei­ßen bedro­hen.
  • Die eige­nen Erwar­tun­gen: Der finan­zi­el­le Druck ist wie­der­um oft ver­bun­den mit der Erwar­tung an die eige­ne, natür­lich per­fek­te Fami­lie. Gera­de Män­ner erwar­ten von sich selbst, dass sie ihr alles bie­ten kön­nen. Als Bild nach innen wie nach außen. Hin­zu kommt: Vie­le mir wohl bekann­te Men­schen haben das Ziel in sich ver­in­ner­licht, auf jeden Fall die gesell­schaft­li­che Stel­lung ihrer Eltern zu errei­chen bzw. sie sogar zu über­tref­fen. Sie bau­en sich damit – auch inner­halb der Fami­lie – einen unge­hö­ri­gen Druck auf, dem sie in guten Zei­ten genü­gen kön­nen, von dem sie in schlech­te­ren Zei­ten jedoch schnell erdrückt wer­den. Aus eige­nem Mit-Ver­schul­den.

Out-of-the-Box-Solu­ti­on? Fehl­an­zei­ge
Wenn ich mir sol­che Ver­hal­tens­mus­ter vor Augen füh­re – und mei­ne Beschrei­bung ist mit Sicher­heit nur ein klei­ner Aus­zug davon –, dann wer­de ich nach­denk­lich. Nach­denk­lich gegen­über mei­ner eige­nen Genera­ti­on. Nach­denk­lich aber auch gegen­über der Genera­ti­on, die folgt. Denn war­um soll­te sich die­se beschleu­nig­te Ent­wick­lung plötz­lich ent­schleu­ni­gen? Solan­ge wir gewollt oder unge­wollt, intern wie extern solch einen Druck auf uns aus­üben? Fin­den wir dazu noch recht­zei­tig die Brem­se? Oder bezeich­nen wir uns bald alle als Stadt­neu­ro­ti­ker? Mit einem Psy­cho­lo­gen oder Psy­cho­ana­ly­ti­ker als stän­di­gen Beglei­ter? Oder heißt die Lösung „Aus­stei­ger“, was die hohe Beliebt­heit sol­cher TV-Sen­dun­gen erklä­ren könn­te? Also der Traum von einem ande­ren Leben, in dem natür­lich alles schö­ner, ein­fa­cher, lebens­fro­her sein wird …

Wie könn­te eine Lösung in die­sem Dilem­ma aus­se­hen? Gibt es sie über­haupt? Wahr­schein­lich nicht. Zumin­dest nicht als all­ge­mein gül­ti­ge “Out-of-the-Box-Solu­ti­on”. Sicher ist nur: Die­se mei­ne Genera­ti­on muss sich viel bewuss­ter machen, dass ihre Kräf­te begrenzt sind, dass es kein ewi­ges „Wei­ter-so“ geben kann, wenn sie sich nicht in einer Peri­ode ver­mehrt auf­tre­ten­der Kata­stro­phen wie­der­fin­den will. Mäßi­gung, Ent­span­nung, Her­un­ter­kom­men, Durch­at­men, Los­las­sen, auch Slow Media. Statt­des­sen müss­ten so die Begrif­fe eines Lösungs­an­sat­zes hei­ßen. Eigent­lich.

Doch wer lässt los, solan­ge er noch nicht gefal­len ist und an das eige­ne „Wei­ter-so“ noch glaubt? Kaum jemand. Was ver­ständ­lich wie trau­rig zugleich ist. Ein Freund erzähl­te mir vor kur­zem: „Mein Vater ist mit gut 60 Jah­ren aus dem Job aus­ge­stie­gen. Dem geht es heu­te noch ganz gut. Wie soll ich es denn noch bis zu mei­ner Ren­te aus­hal­ten? Bis dahin bin ich doch ein Wrack!“

War­um Insta­gram – DRINGEND – Lis­ten benö­tigt

Insta­gram hat sei­nen eige­nen Algo­rith­mus instal­liert. Für das Unter­neh­men selbst bzw. Papa Face­book im Hin­ter­grund recht logisch. Doch für vie­le bis­he­ri­ge Insta­gram-Fans eher ernüch­ternd. Weil er Bekann­tes betont und Ent­de­ckun­gen ver­birgt. Was das heißt?

Seit eini­gen Wochen bekommt jeder Insta­gram-Nut­zer den neu­en Algo­rith­mus zu spü­ren. Und zwar deut­lich. Denn ähn­lich wie bei Face­book regelt der Insta­gram Algo­rith­mus, wel­che Bil­der und Vide­os der Nut­zer in wel­cher Rei­hen­fol­ge zu sehen bekommt. Auch wenn im Unter­schied zu Papa Face­book kei­ne Bei­trä­ge ver­bor­gen, son­dern nur die Rei­hen­fol­ge ihrer Sicht­bar­keit bestimmt wird, hat dies Fol­gen. Für die Nut­zer. Und zwar kräf­ti­ge. Und nicht immer nur posi­ti­ve.

Wenn ich mir mei­nen eige­nen Insta­gram-Stream anse­he, so sind seit eini­gen Tagen prak­tisch nur noch Bil­der sicht­bar von

  • Per­so­nen, mit denen ich auch auf Face­book regel­mä­ßig inter­agie­re … hal­lo Insta­gram-Face­book-Ver­bin­dung!
  • Accounts, mit denen ich bereits in der Ver­gan­gen­heit inten­siv inter­agiert habe – ob per Likes oder per Comments;
  • Accounts, die in mei­ner regio­na­len Nähe Bil­der pos­ten.

Am häu­figs­ten sehe ich aber Bil­der und Vide­os von Accounts, auf die alle drei Fak­to­ren zutref­fen. Und davon aber maß­los viel Bil­der. Wenn sol­che Accounts hin­ter­ein­an­der oder inner­halb eines kur­zen Zeit­raums bei­spiels­wei­se gleich fünf Bil­der publi­zie­ren, bekom­me ich (fast) alle zu sehen. Ein Resul­tat: Für die letz­ten 100 Bil­der in mei­ner Time­li­ne waren genau 23 Per­so­nen ver­ant­wort­lich. Ist das nicht irgend­wie scha­de?

Wo ist mei­ne Inspi­ra­ti­ons­quel­le?
Der Algo­rith­mus ist für mich per­sön­lich – ehr­lich gesagt – ziem­li­cher Schrott. Wo ist denn das Insta­gram als Inspi­ra­ti­ons­quel­le geblie­ben? Nein, das ist jetzt kein #mimi­mi-Arti­kel. Nur: Für mich hat der Reiz von Insta­gram immer das Über­ra­schen­de, das Nicht-Plan­ba­re, die plötz­li­chen visu­el­len Emo­tio­nen aus­ge­macht. Dass man Accounts z.B. von Künst­lern oder Foto­gra­fen bewusst abon­niert hat, weil sie einen mit ihren Bil­dern und Vide­os über­rascht, inspi­riert, ein Lächeln auf die Lip­pen gezau­bert haben.

Ich hat­te mich an ihren Wer­ken erfreut — ohne mit ihnen direkt zu inter­agie­ren. Und das ist das Pro­blem, mein Pro­blem: Kei­ne Inter­ak­ti­on, kein Like, kein Kom­men­tar bedeu­tet jetzt kei­ne Sicht­bar­keit mehr. Und schon sind sie — mit dem neu­en Algo­rith­mus — aus mei­nem Blick­feld ver­schwun­den, auch wenn sie noch so viel und schön pos­ten.

Insta­gram sitzt damit – aus mei­ner per­sön­li­chen Sicht – in einer ziem­li­chen Inspi­ra­ti­ons­fal­le. Auf der einen Sei­te ist der Schritt aus Unter­neh­mens­sicht viel­leicht ein wenig nach­voll­zieh­bar, wenn man die Inter­ak­ti­on mit Bekann­tem för­dern will. Nur was macht man auf der ande­ren Sei­te mit Men­schen wie mir, die gucken aber oft­mals nicht inter­agie­ren? Die die Viel­falt von frem­den Insta­gram-Nut­zern, von inter­na­tio­na­len Foto-Künst­lern als das Beson­de­re erkannt hat­ten? Die spie­len für Insta­gram anschei­nend kei­ne Rol­le mehr. So wie ich.

Lis­ten machen glück­lich!
Dabei gäbe es eigent­lich eine recht ein­fa­che Lösung: Und die heißt Lis­ten. Übri­gens genau so wie bei Face­book (auch wenn sie noch immer weni­ge Nut­zer ken­nen und inten­siv nut­zen). Lis­ten wür­den eini­ges erleich­tern. Eine Lis­te für Freun­de, für Kol­le­gen, für span­nen­de Fir­men, für Inspi­ra­tio­nen, für beson­de­re Accounts etc. Und alle wären glück­lich: Die Nut­zer, weil sie sich wie­der inspi­rie­ren las­sen kön­nen oder zu inter­agie­ren, und auch Insta­gram übri­gens, da die geziel­te Lis­ten-Kom­mu­ni­ka­ti­on wahr­schein­lich eine deut­lich höhe­re Inter­ak­ti­ons­ra­te mit sich brin­gen wür­de als das bis­he­ri­ge, meist etwas plan­lo­se Scrol­len. Oder ist das so schwer umzu­set­zen?

Noch habe ich Hoff­nun­gen, dass sich hier etwas tut. Und dies mög­lichst bald. Ansons­ten bin ich weg. Denn die vie­len Bil­der mei­ner Freun­de neben Face­book auch noch bei Insta­gram anzu­se­hen, das brau­che ich wirk­lich nicht. Also tu was, Insta­gram!

Wenn Illus­tra­tio­nen zur Spra­che wer­den

Wer das ers­te Mal durch Japan reist, dem fal­len nicht nur die Freund­lich­keit der Men­schen, die Pünkt­lich­keit der Ver­kehrs­mit­tel, die Laut­stär­ke der Video-Außen­wer­bung, das schril­le Fun­keln der Schil­der, das Lär­men der Spiel­sa­lons oder die Höhe der Gebäu­de im Wech­sel mit alt­ehr­wür­di­gen Schrei­nen und stil­len Gär­ten auf, um nur weni­ge Bei­spie­le für die­ses Land der Kon­tras­te zu nen­nen. Schließ­lich ist die Fusi­on aus jahr­hun­der­te­al­ter Tra­di­ti­on und nach vor­ne spru­deln­der Moder­ne, an bedäch­ti­ger Wür­de und gren­zen­lo­ser Schril­le an kaum einem ande­ren Ort der Welt so inten­siv zu beob­ach­ten wie im Land der auf­ge­hen­den Son­ne.

Unüber­seh­bar – gera­de für Medi­en- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­leu­te – sind die vie­len son­der­ba­ren Schil­der, die Bewoh­ner wie Tou­ris­ten hin­wei­sen, war­nen, anzie­hen sol­len. Das Beson­de­re: Es sind kei­ne nor­ma­len Schil­der mit nor­ma­len text­li­chen Beschrif­tun­gen und den nor­ma­len pas­sen­den Bil­dern — und dazu noch im nor­ma­len Cor­po­ra­te Design der jewei­li­gen Mar­ke.

Sym­bo­le und Zei­chen statt Tex­te
Japa­ner pfle­gen viel­mehr eine eige­ne Schil­der-Spra­che, die auf Illus­tra­tio­nen, Zei­chen und Sym­bo­le setzt, die mit Tie­ren und Fan­ta­sie­fi­gu­ren spielt, die aus Zeich­nun­gen und figu­ra­ti­ven Ele­men­ten besteht. Bei Hin­wei­sen auf Spiel­sa­lons oder eine Bar lässt sich die Spra­che noch nach­voll­zie­hen. Nur reicht die­se Kunst­form der Kom­mu­ni­ka­ti­on deut­lich wei­ter: Bau­stel­le betre­ten nicht erlaubt, Will­kom­men in einem Kauf­haus, Wer­bung für eine Karao­ke-Bar oder den loka­len Fuß­ball-Ver­ein, War­nung vor der Erwär­mung der Erd­ober­flä­che und vie­les mehr: Der­ar­ti­ge Auf­for­de­run­gen wer­den nicht in Text- son­dern in Sym­bol­form dar­ge­stellt, wie die fol­gen­den inte­grier­ten Bei­spie­le ver­deut­li­chen. (Lese­tipp: Mehr zur japa­ni­schen Wer­be­kul­tur lässt sich auch in die­ser aus­führ­li­chen Semi­nar-Arbeit nach­le­sen)

Oft habe ich mich bei mei­ner Rei­se gefragt, wo solch eine Spra­che der Illus­tra­ti­on, der Zei­chen und Sym­bo­le ihre Ursa­che hat. Ange­sichts ihrer Über­trag­bar­keit und Inter­na­tio­na­li­tät könn­te man den­ken, dass dies ein Gefal­len der Japa­ner an ihre aus­wär­ti­gen und meist des Japa­ni­schen nicht geüb­ten Besu­cher ist. Nur dies wäre von ihrer Gast­freund­schaft wohl zuviel ver­langt. Oder ist es die gene­rel­le Ver­bun­den­heit mit der Comic-Spra­che, die sich in der Man­ga-Kul­tur nie­der­schlägt, die einen die gan­ze Rei­se über beglei­tet und wel­che die Süd­deut­sche zu Recht als “unter­schätz­te Kunst­form” bezeich­net? Auch dies über­zeugt mich als Erklä­rung nicht wirk­lich. Aber woher kommt sie dann, die visu­el­le Spra­che? Ehr­lich gesagt, ich als Nicht-Japa­no­lo­ge weiß es nicht.

Ein­satz als Cor­po­ra­te Lan­guage?
Mir als Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Mar­ke­ting­mensch stellt sich dafür eine ganz ande­re Fra­ge: Lie­ße sich solch eine — ver­ein­fa­chen­de — spie­le­ri­sche und illus­tra­ti­ve Sym­bol­spra­che nicht als Cor­po­ra­te Lan­guage für eine Mar­ke nut­zen? Bis auf Red Bull mit Ein­schrän­kun­gen ist mir kaum eine Mar­ke bekannt — und damit mei­ne ich kei­ne abge­trenn­te Kam­pa­gne -, die ihre Cor­po­ra­te Lan­guage voll­stän­dig auf Basis sol­cher Sym­bo­le auf­ge­baut und an die­sen aus­ge­rich­tet hat. Selbst eine Mar­ke wie Red Bull hat sicher­lich mit der “Red Bull ver­leiht Flügel”-Kampagne einen visu­ell gepräg­ten Spra­che geschaf­fen, sie dann aber auf das pure Mot­to auch beschränkt.

Je häu­fi­ger ich mir die japa­ni­sche Sym­bol-Spra­che jedoch anse­he und die vie­len Bei­spie­le bewun­de­re, des­to inter­es­san­ter wirkt auf mich der Ansatz. Schließ­lich lie­ße sich auf die Art eine uni­ver­sel­le Spra­che ent­wi­ckeln, die durch ihre stark visu­ell gepräg­ten Ele­men­te und ihre illus­tra­ti­ve Kraft auf der einen Sei­te schnell und ein­fach wahr­nehm­bar wäre, ande­rer­seits ein unver­wech­sel­ba­res Bild einer Mar­ke nach innen wie nach außen zeich­nen könn­te.

Ohne Kon­se­quenz kein Erfolg
Nur: War­um macht dies bei uns kaum eine Mar­ke? Gibt es dazu spe­zi­el­le Vor­aus­set­zun­gen, die erfüllt wer­den müs­sen? Sind wir Deut­schen für eine sol­che Sym­bol-Spra­che nicht bereit? Und für wel­che Mar­ken mit ihren Ange­bo­ten und Ser­vices wür­de sich dies am ehes­ten anbie­ten? Jede müss­te sich bewusst sein, dass ein Erfolg — sie­he Bei­spiel von Red Bull — nur dann ein­tre­ten könn­te, wenn solch ein Weg sehr kon­se­quent und vor allem lang­fris­tig geführt wird. Denn nur dann kann es irgend­wann auch für Mar­ken­ver­spre­chen und ‑aus­sa­gen gel­ten, dass Illus­tra­tio­nen wirk­lich “mehr als 1.000 Wor­te sagen”.