Bye-bye Social. Bye-bye People. Bye-bye Community. Ihr seid in meinen Feeds nicht mehr sichtbar. Ein Analyse-Update.
Schreiben wir eigentlich noch für Menschen? Oder haben KI-gesteuerte Algorithmen die Content-Macht übernommen? Im September 2025 hatte ich genau diese Frage gestellt: „Wo sind meine Friends und Follower geblieben?“, nannte ich die damalige Analyse meiner eigenen Kanäle. 9 Monate später frage ich mich, ob und wie sich die Sichtbarkeit in den sozialen Medien verändert hat. Hat beispielsweise der Content Graph den Social Graph schon überall ersetzt?
Die Methode:
Für dieses Update habe ich wieder einen Blick in meine persönlichen Accounts geworfen: Also in meine Feeds auf LinkedIn, Facebook und Instagram – sowie zusätzlich auf YouTube und TikTok.
Beitrag für Beitrag bin ich per Smartphone die letzten 100 Postings durchgegangen und habe sie Schritt für Schritt sortiert – immer
verbunden mit den Fragen:
- Wie viel Prozent der Inhalte stammen aus meinem Netzwerk?
- Wie viele Beiträge sind heute Werbung und Empfehlungen?
- Welche Strategien lassen sich aus den Ergebnissen ableiten?
Das Ergebnis:
Die Ergebnisse zeigen, dass die Macht der Plattformen weiter zugenommen hat und der ursprüngliche Social Media Gedanke (fast) vorbei ist. Einfach zusammengefasst: Bye-bye Social Graph, bye-bye Friends, hello Content Graph, hello Filterblase.
Heute werden unsere Feeds verstärkt von Ads und von Empfehlungen per KI gefüttert – immer bezogen auf unser bisheriges Verhalten. Über dieses Ende von Social in Social Media hatte ich bereits in meinem gleichnamigen Buch „Das Ende von Social Media“ geschrieben.
Doch wie weit sind wir in diesem Prozess?
Content Graph vs. Social Graph: Meine Analyse über 5 Plattformen:
Blicken wir dazu etwas detaillierter auf meine Ergebnisse und beginnen mit dem einst größten Sozialen Netzwerk: Facebook.
Von den letzten 100 Beiträgen in meinem Feed sind 50 Prozent Werbung und Empfehlungen, gut 40 Prozent stammen von Freunden und aus Gruppen. Die Zahl 8 Prozent bei Companys ist etwas irreführend, da es sich um Medienseiten handelt. Vergleiche ich das Ergebnis mit 2025, dann ist die Zahl der Empfehlungen leicht gefallen.
Auffällig ist, dass nach ca. 30 Beiträgen die Zahl der Empfehlungen abnimmt, die Zahl der Personenbeiträge dafür steigt. Dies lässt sich wohl darauf zurückzuführen, dass Facebook nicht davon ausgeht, dass die Menschen so weit scrollen, um noch etwas Interessantes zu entdecken.

Die Strategie: Klassische Unternehmen bekommen keine Sichtbarkeit mehr auf Facebook. Dies verdeutlicht meine Analyse. So habe ich keinen Beitrag unter meinen letzten 100 Posts entdecken können, auch wenn ich sicherlich mit 50 Unternehmen vernetzt bin.
Wer Facebook nutzen will, muss sich folglich mit Gruppen auseinandersetzen und dazu eine offensive Ad-Strategie fahren. Rein organische Postings sind fast ausnahmslos Ressourcen-Verschwendung.
Beim Blick auf den Instagram-Feed hat sich das Verhältnis im Vergleich zu 2025 verschoben. So ist die Zahl der KI-gesteuerten Empfehlungen und der Ads deutlich gestiegen. Darin spiegelt sich die Beliebtheit der Plattform wider. Wechsel ich in der Instagram-App vom Feed auf den Reels-„Für Dich“-Feed, dann finde ich unter den letzten 100 Reels gerade einmal 6 Beiträge von Unternehmen und Personen. Dabei handelt es sich um Kunden, mit denen ich viel interagiere. Alle anderen bleiben trotz regelmäßiger Videos unsichtbar.

Die Strategie: Die Beliebtheit von Instagram zeigt sich in der wachsenden Werbung. Gleichzeitig kann eine organische Strategie nach wie vor erfolgreich sein – bei einem guten Content- und Format-Mix aus Karussells und Reels. Die Voraussetzung: Die Beiträge müssen zu hoher Verweildauer und zu intensiven Interaktionen führen.
Ansonsten werden sie weder im Feed noch im Reel-Tab ausgespielt. Zudem lohnt es sich, seinen Feed regelmäßig radikal zu erziehen, um (fast) nur noch Beiträge eingeblendet zu bekommen, die zum bisherigen eigenen Verhalten passen. Das heißt: Der Aufwand für einen nützlichen Feed wächst weiter.
Bei LinkedIn zieht die Zahl der Empfehlungen leicht und die der Werbung stärker an – im Vergleich zum Vorjahr. Bereits heute ist über ein Viertel meiner eingespielten Beiträge Werbung. Immerhin wird der Feed auch von Personen gefüttert, mit denen ich vernetzt bin. Unternehmensbeiträge bleiben dagegen fast unsichtbar, selbst wenn man wie ich mit zahlreichen Stiftungen und Finanzunternehmen verbunden ist.
Für die Sichtbarkeit von Beiträgen spielen Interaktionen eine große, wenn auch leicht abgeschwächte Rolle: Gut 20 Prozent meiner Beiträge – und damit weniger als noch 2025 – wurden mir eingespielt, weil die Inhalte von meinem Netzwerk gelikt, geteilt oder kommentiert wurden.

Die Strategie: Das Ergebnis verdeutlicht wieder einmal, wie wichtig für Unternehmen aktive Vorstände, aktive Mitarbeitende und ein kontinuierliches Corporate Influencer Programm sind. Doch auch deren Beiträge bekommen erst dann eine Sichtbarkeit, wenn sie wirklich zu Interaktionen führen. Die Zeit der reinen Berichterstattung ist damit ebenfalls auf LinkedIn Geschichte.
Wenn ich mir jedoch den Algorithm Report 2026 von Richard van der Blom ansehe, laut der im Jahre 2026 nur noch in 10 Prozent der Fälle die eigenen Kontakte die Inhalte als Erstes sehen – im Jahre 2024 waren es noch 70 Prozent –, werde ich nachdenklich. „Your connections don’t matter anymore“, schreibt er dazu passend.

Falls ich dies – vielleicht in der nächsten Analyse 2027 – selbst beobachten kann, dann muss ich meinen Standpunkt überdenken, LinkedIn als das letzte wirkliche Soziale Netzwerk zu bezeichnen. Dann wird der Content Graph auch bei LinkedIn den Social Graph endgültig ersetzt haben. Oder wie Richard im Beitrag schreibt: „The algorithm now asks: „What does this person stand for?“
TikTok
Mein aktueller Fokus auf die Finanz- und Versicherungsbranche spiegelt sich sofort in meinem TikTok-Feed wider – genau gesagt in dem „Für-Dich-Feed“. Dass ich in den letzten 2 Wochen mehrere Workshops für Sparkassen und Verbände gegeben habe, zeigte sich an meinem rot gefärbten TikTok-Account. Gleichzeitig bleibt mit 17 Prozent die Zahl der Beiträge gering, die mir von meinen vernetzten und auch thematisch passenden Accounts eingespielt werden.
Angesichts der Beliebtheit der Kurz-Video-Plattform hat mich nicht überrascht, dass die Zahl der Werbung deutlich angestiegen ist. Wie hoch dagegen der Anteil an KI-generierten Inhalte ist, habe ich nicht konkret gemessen, auch wenn er mir hoch erschien. Laut einer Untersuchung von Kapwing sollen knapp 60 Prozent aller Videos, die neue TikTok-User zu sehen bekommen, per KI generiert worden sein. Im Vergleich dazu sollen es bei YouTube 21 Prozent sein.

Die Strategie: Es wird wieder einmal deutlich, dass sich TikTok bis heute nicht um die eigenen Fans und Follower schert, sondern Inhalte rein auf Basis des kürzlichen Verhaltens einspielt.
Wer bei TikTok weiterhin Fans und Follower zählt, hat die Plattform damit nicht verstanden. Vielmehr geht es darum, aktuelle Themen und Trends aufzugreifen, um auf diese Weise in das Sichtfeld der TikTok-User zu kommen. Auch eine Ad-Strategie wird bei TikTok immer wichtiger, wie die gewachsenen Ad-Zahlen verdeutlichen.
YouTube
Auch YouTube hat sich noch niemals für die Zahl der Abonnenten groß interessiert. Aktuell verlieren die Follower bzw. die Abos sogar weiter an Relevanz, der Anteil von Videos aus abonnierten Kanälen auf der Startseite wird immer geringer. Zudem ist YouTube aktuell dabei, die Videoplattform zu verändern – mit neuer Startseite, Navigation, Suchfunktion und KI-Feeds.
Stattdessen spielt mir YouTube die Beiträge ein, die passend zu meinem bisherigen Verhalten sind – unabhängig davon, ob ich diese Kanäle jetzt abonniert oder nicht abonniert habe. Auch die Zahl der Werbebeiträge bleibt bei YouTube im Vergleich zu den anderen Plattformen gering, da sich YouTube vor allem auf Werbung innerhalb der Videos – als Pre-, Mid- und Post-Rolls – fokussiert.

Die Strategie: Gerade in KI-Zeiten wird YouTube als Kanal immer wichtiger. Wer jedoch den Account nur unregelmäßig mit organischen Videos bespielt, wird kaum Erfolg haben. Für eine YouTube-Strategie spielen Thumbnails, Titel, Aufbau und inhaltliche Klarheit eine große Rolle – begleitet von regelmäßigen Werbemaßnahmen.
Vor allem geht es darum, ein Thema klar, umfangreich und nachhaltig zu besetzen. Auf diese Weise wird der Algorithmus den Kanal und seine Inhalte als glaubwürdige Quelle berücksichtigen und die Videos passend zu ihrem Verhalten einspielen können.
Mein Fazit:
Diese Analyse ist natürlich alles andere als eine wissenschaftliche Studie. Es ist ein ganz persönlicher Test, den übrigens jeder und jede sehr einfach nachmachen kann. Ich gehe davon aus, dass die Ergebnisse etwas variieren werden – je nach persönlichem Engagement pro Plattform.
Eines sollten wir wissen: Der Gedanke, sich per Social Media mit seinen Freunden und Netzwerkpartnern auszutauschen, diese Zeit ist (fast) zu Ende. Schritt für Schritt haben alle Plattformen den Wechsel von einem von Interaktionen geprägten Social Graph zu einem puren Content Graph vollzogen. An dieser Entwicklung haben wir selbst unseren Anteil, da wir uns anscheinend lieber und länger mit (KI-)Content aus irgendwelchen Quellen als mit unseren Friends und Followern beschäftigen.
Die sogenannten Sozialen Netzwerke sind heute rein darauf ausgerichtet, dass wir dort möglichst viel Zeit verbringen – egal mit welchem Content wir interagieren bzw. welchen Content wir aus welcher Quelle konsumieren. Hauptsache, wir bleiben möglichst lange an die Plattform gebunden, damit uns möglichst viel Werbung eingespielt werden kann.
Verweildauer ist und bleibt die wahre Währung der Plattformen – unabhängig vom Urheber des Contents. Und daran hat sich auch 9 Monate später nichts geändert.
[1] https://dominikruisinger.com/meine-analyse-wo-sind-meine-friends-follower-geblieben
[2] https://dominikruisinger.com/das-ende-von-social-media
[3] https://www.linkedin.com/posts/richardvanderblom_your-connections-dont-matter-anymore-harsh-share-7449706150859522048-Z9du/
[4] https://t3n.de/news/zwei-drittel-ki-slop-tiktok-neue-nutzer-1748024/
[5] https://www.googlewatchblog.de/2026/05/youtube-google-will-videoplattform-mit-ki-veraendern-neue-startseite-navigation-suchfunktion-und-feeds/
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