Auf Lösungs­su­che: Zu wenig Zeit für zu viel Content

01.03.2022

Ich füh­le mich der­zeit etwas über­for­dert. Denn ich habe den Ein­druck, dass ich immer mehr Infor­ma­tio­nen über immer mehr Kanä­le in einer immer höhe­ren Fre­quenz erhal­te. Immer stär­ker scheint es um Mas­se und Quan­ti­tät an Infor­ma­tio­nen zu gehen. Vie­le spre­chen daher bereits seit Jah­ren vom Con­tent Shock oder dem Infor­ma­ti­on Over­load. Aber das sind nur Schlagworte. 

Posi­tiv gefragt: Fol­gen wir auf Lin­kedIn, Insta­gram, Whats­App, per News­let­ter, Mes­sen­ger & Co. gera­de dem olym­pi­schen Gedan­ken, also immer wei­ter, schnel­ler, höher? Sind wir in unse­rer Kom­mu­ni­ka­ti­on 2022 auf dem Weg der “Ober­fläch­li­gi­sie­rung”? Was dazu füh­ren wird, dass die Tie­fe in der Aus­ein­an­der­set­zung ver­lo­ren geht? Ist es also etwa Zeit, sich etwas zurück­zu­neh­men? Denn das Sein als „digi­ta­ler Mes­si“ bringt kaum einem Net­wor­ker etwas, wie Klaus Eck in sei­nem Blog-Bei­trag schreibt?

Skim­men & Scannen

Gera­de im Rah­men mei­nes letz­ten Buches „Pra­xis Online-Tex­ten“ habe ich mich viel mit dem The­ma Usa­bi­li­ty und ins­be­son­de­re der Fra­ge beschäf­tigt, wie Men­schen Inhal­te heu­te im Netz wahr­neh­men. Und es über­rascht hier nie­man­den, wenn ich schrei­be, dass wir nur einen sehr begrenz­ten Anteil an Infor­ma­tio­nen auf­neh­men (kön­nen).

Wenn ich die­se zwar älte­re, aber wei­ter­hin rele­van­te Gra­fik betrach­te, dann wird mir noch­mals klar, dass sich unser Con­tent-Kon­sum, also die von uns auch täg­lich ver­ar­bei­te­te Con­tent-Men­ge, kei­nes­wegs groß ver­än­dert hat – auch weil der Tag wei­ter­hin nur 24 Stun­den hat; gleich­zei­tig nimmt aber der pro­du­zier­te und ver­brei­te­te Con­tent jedes Jahr expo­nen­ti­ell zu. Jede und jeden hier wird dies nicht über­ra­schen. Doch hat dies mas­si­ve Fol­gen, gera­de auf die Wahr­neh­mung von Inhalten.

Der Content-Shock
Con­tent Shock: Der Ver­gleich zwi­schen Con­tent-Kon­sum und Zeit für Content

Der „King of Usa­bi­li­ty“ Jakob Niel­sen hat einst die Wahr­neh­mung von Con­tent in die Berei­che Rea­ding, Scan­ning und Skim­ming auf­ge­teilt (sie­he Abb.). Ange­sichts die­ser oben beschrie­be­nen Men­ge an Infor­ma­tio­nen und der gleich­zei­tig gleich­blei­ben­den Zeit für deren Kon­sum, bleibt uns eigent­lich nichts ande­res übrig, als nur noch zu skim­men; also has­tig in der Über­schrift nach dem Mehr­wert zu suchen, Tex­te nach Schlüs­sel­wör­tern zu über­flie­gen und schnell wei­ter­zu­kli­cken, wenn wir ihn nicht sofort fin­den. Schließ­lich könn­ten wir ja etwas auf einer ande­ren Sei­te, in einem ande­ren Kanal verpassen.

Ach ja: Niel­sen packt unser Lese­ver­hal­ten übri­gens genau zwi­schen Scan­nen und Skim­men – mit Ten­denz immer stär­ker zum Skim­men gera­de bei Jün­ge­ren. Auch dies ist ange­sichts der Tool- und Con­tent-Men­ge nicht wirk­lich überraschend.

Wie wird heu­te gele­sen? Rea­ding, Scan­ning, Skim­ming im Ver­gleich; Abb. von Domi­nik Ruisinger

Der Titel als Content-Verführer?

Rich­ten wir uns also nur noch an Titeln aus? Zu Bei­trä­gen, Bil­dern, Vide­os, Gra­fi­ken? Egal wie kor­rekt, falsch oder nur auf den berühm­ten K(l)ick aus­ge­rich­tet sie auch sind? Genau betrach­tet, tun wir genau dies. Wir reagie­ren auf Titel – neben ein paar wei­te­ren Neben­fak­to­ren. Die­se Fokus­sie­rung gilt übri­gens auch für Betreff­zei­len, die schon lan­ge eine gro­ße Macht auf E‑Mails und News­let­ter haben, auch wenn vie­le dies nicht bedenken.

Wenn ich über genau die­sen Fokus auf Titel nach­den­ke, dann fällt mir mit Grau­en ein Expe­ri­ment vor ein paar Jah­ren ein (die genaue Quel­le fin­de ich gera­de nicht … Any thoughts?). Damals wur­de ein Bei­trag auf Face­book publi­ziert, wobei der Inhalt des Bei­tra­ges mit dem Titel des Bei­trags nichts zu tun hat­te. Trotz­dem wur­de er vor allem wegen sei­nes Titels flei­ßig und mas­siv geteilt. Damit ließ sich nach­wei­sen, dass nur wirk­lich weni­ge Men­schen den Bei­trag auch wirk­lich gele­sen hat­ten. Leider.

Die­ses Expe­ri­ment ist schon eini­ge Jah­re alt. Doch was ist seit­dem pas­siert? Die Men­ge an Infor­ma­tio­nen ist wei­ter gewach­sen, die Zahl der Kanä­le hat sich erhöht, die Fre­quenz an publi­zier­ten Bei­trä­gen ist gestie­gen. Alles sie­he oben. Wür­de die­ses Expe­ri­ment heu­te anders aus­fal­len? Ich fürch­te nein. Schließ­lich sind vie­le Social Media Postings in Wirk­lich­keit nichts ande­res als Titel- und Titel­bil­der-Schleu­dern. Ein­fach gesagt: Wenn die­se nicht funk­tio­nie­ren, kön­nen wir uns den rest­li­chen Bei­trag erspa­ren. Auch in mei­nem Lieb­lings-Tool Feed­ly sor­tiert mein Auge die täg­li­chen Resul­ta­te fast aus­schließ­lich über den Titel. Alles ande­re fällt weg.

Noch kein Rezept gefunden

Doch was bleibt uns ande­res über, wenn uns immer mehr und immer häu­fi­ger Inhal­te ein­ge­spielt wer­den und dies über immer mehr Kanä­le? Und wir die­sen Inhal­ten und Kanä­len immer mehr hin­ter­her­he­cheln? Schließ­lich wol­len wir nichts und nir­gends ver­pas­sen, was sich in Dis­kus­sio­nen über FOMO und Online-Sucht wider­spie­gelt. Sind wir auch als Con­tent-Pro­du­zen­tin­nen und ‑Pro­du­zen­ten also die Kat­zen und Kater, die sich selbst in den Schwanz beißen?

Bei die­sem The­ma bin ich in den letz­ten Wochen und Mona­ten nach­denk­lich gewor­den. Auf jeden Fall mache ich mir immer häu­fi­ger Gedan­ken, wie ich selbst Infor­ma­tio­nen auf­neh­men will und die­se nicht nur als Skim­mer, son­dern als Mensch, der die­sen Con­tent wirk­lich schätzt. Muss ich mich dazu von ver­schie­de­nen Kanä­len ver­ab­schie­den? Aus Inhal­ten zurück­zie­hen, um mir mehr Zeit für ande­re neh­men zu kön­nen? Wer­de ich alt ;-)? Oder gibt es dazu ein schlau­es Lösungs­buch oder ein genia­les Rezept? Wer eines hat, dann bit­te mel­den. Dan­ke! Denn anders wer­de ich aus die­sem Hams­ter­rad wohl kaum her­aus­fin­den.

2 more things:

  • P.S.: Dam­ned – und schon wie­der habe ich neu­en Con­tent geschaf­fen ;-). Hof­fent­lich ver­führt nicht nur der Titel zum Lesen!

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