Wie nehmen wir Inhalte wahr? Wie stechen Texte ins Auge? Welche Kennzeichen zeichnen gute Sprache aus? Wie binden wir Leserinnen und Leser? Und auf welche visuellen Elemente reagieren diese?
Wer gute Texte verfassen will, benötigt tiefgreifendes Basiswissen über die menschliche Informationsaufnahme und -verarbeitung. Vor diesem Hintergrund habe ich eine Serie zum notwendigen Textwissen aufgesetzt: 5 Beiträge als Summer-Text-School.
Wichtig: Alle Beiträge sind komprimierte Auszüge aus dem Buch „Besser Texten mit Kopf und KI„, dem Leitfaden für das Neue Schreiben von mir und von Kai Heddergott.
7 Kennzeichen guter Sprache
„Was immer Du schreibst, schreibe kurz, und sie werden es lesen, schreibe klar, und sie werden es verstehen, schreibe bildhaft, und sie werden es im Gedächtnis behalten.„
Dieses rund 150 Jahre alte Zitat des Verlegers Joseph Pulitzer lässt sich auf die Sprache übertragen, die von einem entscheidenden Faktor getragen wird: Lesbarkeit, also verständlich schreiben. Pulitzer beschreibt einige sprachliche Qualitäten, die gestern, heute wie auch morgen gute Texte auszeichnen. Wer diese Qualitäten selbst beherrscht, kann später KI-Tools einfacher darauf hinweisen, bestehende Texte zu optimieren. Doch blicken wir auf 7 Hinweise für das verständliche Schreiben.
1. Aktiv statt passiv
„Die Strafe wird zur Bewährung ausgesetzt“.
Solche Passivkonstruktionen sind meistens unnötig, unpersönlich, wenig inspirierend und den Lesefluss bremsend. Ihnen fehlt der Kopf, der über den Inhalt bestimmt.
Texterinnen und Texter sollten solchen Texten einen klaren Absender verpassen: Personen sprechen, Frauen lachen, Produkte bersten, Parfüms duften, Blumen welken. Sätze werden so nicht nur deutlich leichter lesbar, sie kreieren Bilder im Kopf. Das Passiv muss die Ausnahme bleiben – wenn das Subjekt unerheblich für Satz und Kontext ist.
2. Starke Verben statt Substantive
„Die Verabschiedung des neuen Gesetzes soll bis zur Sommerpause erfolgen.“
Substantivierte Verben – also die Unzahl an Begriffen, die mit -ung, -mus, -heit, -keit etc. enden – wirken schwerfällig. Texterinnen und Texter haben die Aufgabe, sie durch starke, aktive Verben ersetzen, die anschaulicher, schlanker, beweglicher sind. Also fragen statt Befragung durchführen, verbessern statt Verbesserung herbeiführen.
Das bedeutet nicht, dass substantivierte Verben nicht gelegentlich eingesetzt werden dürfen. Aber bitte in Maßen.
3. Verben für die Sinne
Menschen wollen in Texten das eigene Kino im Kopf entdecken. Sie wollen hören, riechen, schmecken, fühlen, als seien sie direkt vor Ort. Dies fehlt ihnen bei Verben wie stattfinden, beinhalten, vorhaben, sich befinden, eignen.
Wenn ein Event veranstaltet wird, dann lässt uns dies unberührt. Wenn die Teilnehmenden klatschen, aufschreien, lachen, buhen, jubeln, dann haben wir Bilder vor Augen. Wenn eine Haustür nicht zugeht, sondern ins Schloss kracht, die Holzstufen knarren und die Scheibe splittert, dann blitzen Bilder auf.
Begriffe wie innovativ, interessant, effizient, kundenorientiert sind dagegen Sprachhülsen, die nicht berühren, sondern jedes Leben gleich abwürgen.
4. Kürze statt Bandwurm
Die deutsche Sprache ist die Meisterin langer Wörter. Davon werden viele zusammengeschrieben. Begriffe wie Arbeiterunfallversicherungsgesetz, Effizienzsteigerungsprogramm, Geschäftsstellenzusammenlegung oder Wohnungsbesichtigungstermin sind sprachliche Monster, die schwer zu lesen sind – gerade mobil.
Texterinnen und Texter haben die Aufgabe, Wortungetüme in lesbare, kurze Häppchen aufzulösen. Ansonsten helfen Bindestriche.
5. Ohne Bläh- und Füllwörter
Bläh- und Füllwörter wie eigentlich, letztendlich, gewissermaßen, irgendwie sind Ballast, die Beiträge unnötig aufblähen. Das heißt nicht, dass Texterinnen und Texter alle Adjektive – oder Adverbien – weglassen sollten. Nur sollten sie diese bewusst einsetzen, um Besonderheiten hervorzuheben oder Unterschiede deutlich zu machen.
Sparsam und bewusst verwendet, können sie ihre Wirkung entfalten und Sätzen neue Bedeutung verleihen.
6. Zahlen als Ziffern
Zahlen von eins bis zwölf sind als Zahlwörter zu schreiben. Dies gilt in der deutschen Sprache. Speziell bei Überschriften und Zwischentiteln sollten sich Texterinnen und Texter darüber hinwegsetzen.
Studien zeigen, dass das flüchtige Auge besonders gut auf Ziffern reagiert – und übrigens vor allem auf ungerade. Denn „Seine 7 größten Fehler“ lässt sich einfach besser als „Seine sieben größten Fehler“ wahrnehmen.
7. Bewusste Satzzeichen
Punkte, Strichpunkte, Kommata, Gedankenstriche: Satzzeichen nehmen eine zentrale Rolle ein. Punkte machen deutlich, dass ein Gedanke zu Ende ist. Ein Strichpunkt setzt eine kurze Pause; Gedankenstriche – ja, sie lassen den Leser einen Moment zu sich kommen. Und Doppelpunkte: Sie bauen Spannung auf.
Klug eingesetzt spielen Satzzeichen gerade bei der Gestaltung von Titeln und Teaser-Texten eine wichtige Rolle. Aber Achtung: Im Übermaß eingesetzt, bringen sie das Lesen aus dem Rhythmus.
