Gedan­ken­spie­le-Lese­tipps vom 26. Juni 2015

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9 Fea­tures, die eine mobi­le Web­site ent­hal­ten soll­te

9 Fea­tures, die eine mobi­le Web­site ent­hal­ten soll­te

Auf Active­Mo­bi habe ich die­se inter­es­san­te Info­gra­fik ent­deckt. Sie beschreibt 9 Fea­tures, die eine Web­site ent­hal­ten soll­te, um Nut­zer mobi­ler End­ge­rä­te zu errei­chen. Auch wenn die Info­gra­fik schon ein Jahr alt ist, so beschreibt sie doch ganz gut die wich­tigs­ten Aspek­te – gera­de in Zei­ten, in denen nicht nur für Goog­le & Co. die mobi­le Nutz­bar­keit zu einem zen­tra­len Ran­king­kri­te­ri­um gewor­den ist.

Top 9 Features Mobile Consumers Want On Your Mobile Website-Infographic

9 Fea­tures, die eine mobi­le Web­site ent­hal­ten soll­te

Cour­te­sy of: Active­Mo­bi
War­um Deutsch­land im Soci­al Web kein Welt­meis­ter ist.

War­um Deutsch­land im Soci­al Web kein Welt­meis­ter ist.

Ende Juni 2014 erschien im Wall­street Jour­nal ein kur­zer, kom­pak­ter Bei­trag, der auf grö­ße­re Auf­merk­sam­keit im Soci­al Web stieß: „5 Grün­de, war­um Deutsch­land nicht twit­tert”, titel­te Autor Ste­phan Dör­ner sei­nen Mei­nungs­ar­ti­kel. Auch wenn die von ihm erwähn­ten Grün­de durch­aus in die rich­ti­ge Rich­tung rei­chen, spre­chen sie nur einen klei­nen Teil der Ursa­chen an, mit der sich die deut­sche Zurück­hal­tung erklä­ren lässt.

Kommunikationsmanagement Loseblattsammlung

Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ma­nage­ment Lose­blatt­samm­lung

Hin­weis: Die­ser lan­ge Bei­trag erschien bereits im April 2015 in: Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ma­nage­ment (Lose­blatt), her­ausg. von Bentele/​Piwinger/​Schönborn, Bei­trag Nr. 5.82, Köln 2015. Seit­dem haben sich eini­ge der erwähn­ten (Nutzer-)Zahlen natür­lich ver­än­dert. An den grund­le­gen­den Aus­sa­gen die­ses Bei­tra­ges ändert dies jedoch nichts.


1. Ein­lei­tung

„Fast die Hälf­te der Inter­net­nut­zer ist inzwi­schen Mit­glied in einem sozia­len Netz­werk“, lau­te­te eine der Über­schrif­ten aus dem Bericht zur AWA 2014, der renom­mier­ten Allens­ba­cher Markt- und Wer­be­trä­ger­ana­ly­se. Damit ist der Anteil der Netz­werk-Mit­glie­der inner­halb eines Jah­res von 40 auf 44 Pro­zent gestie­gen. Eigent­lich eine grund­sätz­lich posi­ti­ve Ent­wick­lung.

Wer aber einen etwas dif­fe­ren­zier­te­ren Blick auf die Soci­al Media Nut­zung hier­zu­lan­de wirft, dem fällt eines auf: Deutsch­land lässt sich im inter­na­tio­na­len Ver­gleich durch­aus als Face­book-Land bezeich­nen – und mit Ein­schrän­kun­gen auch als You­Tube- und Insta­gram-Fan; in allen ande­ren Platt­for­men des Soci­al Web – wie Twit­ter, Goog­le+, Pin­te­rest, Blogs oder den Loca­ti­on Based Ser­vices wie Fours­qua­re – befin­det sich Deutsch­land dage­gen auf den hin­te­ren Rän­gen. Doch wor­an liegt die­se unter­schied­li­che Nut­zung? Wel­che Grün­de las­sen sich auf­füh­ren, die die­se Zurück­hal­tung erklä­ren könn­ten?


2. Bestands­auf­nah­me: Soci­al Media Nut­zung in Deutsch­land

Wie stark unter­schied­lich die deut­schen User die bekann­ten Soci­al Media Platt­for­men nut­zen – gera­de im inter­na­tio­na­len Ver­gleich –, dies ver­deut­li­chen eini­ge Zah­len, die im fol­gen­den kurz erwähnt und ana­ly­siert wer­den.

2.1 Face­book

Welt­weit gab es 01/​2015 gut 1,35 Mil­li­ar­den monat­lich akti­ve Face­book-User. Von die­sen besu­chen 864 Mil­lio­nen und damit knapp zwei Drit­tel das Netz­werk täg­lich; in Deutsch­land waren Ende 2013 25 Mil­lio­nen auf Face­book aktiv, davon 19 Mil­lio­nen täg­lich. Seit­dem hat Face­book selbst kei­ne exak­ten Zah­len mehr publi­ziert. Wer das Face­book Adver­ti­sing-Tool jedoch zu Hil­fe nimmt, stößt auf eine Zahl von 28 Mil­lio­nen deut­schen Nut­zern. Bei rund 81,8 Mil­lio­nen Ein­woh­nern nut­zen ca. 35 Pro­zent Face­book. Damit gehört Deutsch­land zu den zehn welt­weit füh­ren­den Face­book-Natio­nen bezo­gen auf die Nut­zer­zah­len und vor allem die Bevöl­ke­rungs­pe­ne­tra­ti­on.

2.2 Twit­ter

Twit­ter zähl­te Ende 2014 welt­weit 284 Mil­lio­nen monat­lich akti­ve Nut­zer – und damit 13 Mil­lio­nen mehr als im Vor­jahr. Selbst wenn sich die Nut­zer­zahl seit 2011 ver­drei­facht hat, bleibt die Wachs­tums­ra­te für Unter­neh­men und Inves­to­ren ent­täu­schend. Dies bezieht sich vor allem auf die wei­ter­hin gerin­ge Akti­vi­tät der Nut­zer. So hat sich die Zahl der täg­lich ver­sen­de­ten Tweets (500 Mil­lio­nen) seit dem ver­gan­ge­nen Jahr nicht ver­än­dert. Das Pro­blem: Offen­bar mel­den sich vie­le Men­schen an, die den Dienst nach einer ers­ten Test­pha­se nicht kon­ti­nu­ier­lich wei­ter nut­zen.

Bli­cken wir auf Deutsch­land, so zähl­te die ARD/Z­DF-Online­stu­die 2014 5 Pro­zent Deut­sche , die zumin­dest ein­mal wöchent­lich den Micro­blog­ging-Dienst nut­zen. Damit stieg die Nut­zung zwar von zwei auf fünf Pro­zent inner­halb eines Jah­res. Zah­len zur täg­li­chen Nut­zung sind nicht bekannt, obwohl gera­de die­se bei solch einem Nach­rich­ten­ser­vice deut­lich rele­van­ter wären. Auch wenn die Zahl der deut­schen Twit­ter-Nut­zer gera­de im Rah­men der ver­gan­ge­nen Fuß­ball-WM deut­lich gestie­gen ist, so ist davon aus­zu­ge­hen, dass die­se Zahl noch weit unter einer Mil­li­on liegt. Auch beim Anteil am welt­wei­ten Tweet-Auf­kom­men belegt Deutsch­land mit 0,72 Pro­zent nur den 18. Platz.

2.3 Goog­le+

1,15 Mil­li­ar­den Nut­zer hat­ten sich Ende 2013 bei Goog­le+, dem Netz­werk aus dem Hau­se Goog­le, regis­triert – ob direkt oder über eine Ver­bin­dung via Gmail oder You­Tube. Von die­sen nut­zen 359 Mil­lio­nen Goog­le zumin­dest ein­mal im Monat, davon 56,2 Pro­zent auch mobil. Für Deutsch­land zähl­te der Goog­le+ Sta­tis­tik-Dienst Cir­cle­Count Ende Dezem­ber 2014 7,3 Mil­lio­nen monat­lich akti­ve Google+-Profile. Bezo­gen auf die Bevöl­ke­rungs­zahl von 81,8 Mil­lio­nen bedeu­tet dies, dass 8,9 Pro­zent Deut­sche ein Google+-Profil haben. Dadurch belegt Deutsch­land in der Cir­cle­Count-Rang­lis­te inner­halb von Euro­pa nur Platz 25.

Ein ähn­li­ches Ergeb­nis ergab eine Unter­su­chung von Glo­bal­We­b­In­dex zum Abschluss des 1. Quar­tals 2014. Bei der Befra­gung von über 42.000 Inter­net­nut­zern in 32 Län­dern gaben 54 Pro­zent an, einen Account bei Goog­le+ zu besit­zen, 20 Pro­zent ihn monat­lich zu nut­zen. Beson­ders aktiv sind Län­der wie Indo­ne­si­en 36 Pro­zent, Indi­en 35 Pro­zent, Süd­afri­ka 33 Pro­zent, Tür­kei 29 Pro­zent, Spa­ni­en 17 Pro­zent und die USA 15 Pro­zent. Deutsch­land taucht in die­ser Auf­zäh­lung gar nicht erst auf.

2.4 Blogs

Seit Jah­ren wird immer wie­der die Remi­nis­zenz der Cor­po­ra­te Blogs pro­gnos­ti­ziert. Auf Deutsch­land bezo­gen ist die­se zumin­dest noch nicht sicht­bar. Wirft man einen Blick auf die erwähn­te ARD/Z­DF-Online­stu­die 2014, so nut­zen fünf Pro­zent der Deut­schen zumin­dest ein­mal pro Woche Blogs, 17 Pro­zent zumin­dest gele­gent­lich. Die Haupt­nut­zer sind die 14- bis 29-Jäh­ri­gen. Die­se Zah­len haben sich jedoch im Ver­gleich zum Vor­jahr nur leicht nach oben bewegt, was die Zurück­hal­tung der Deut­schen bei Blogs belegt.

2.5 Insta­gram

Die Nut­zer­zah­len der recht jun­gen Face­book-Toch­ter Insta­gram stei­gen kon­ti­nu­ier­lich an. Erst im ver­gan­ge­nen Herbst ver­kün­dig­te Insta­gram die Zahl von 300 Mil­lio­nen welt­weit exis­tie­ren­den Accounts. Die Markt­for­schungs­stu­die Glo­bal­We­b­In­dex kam Mit­te 2014 zum Ergeb­nis, dass welt­weit rund 20 Pro­zent aller Inter­net­nut­zer zwi­schen 16 und 64 Jah­ren einen Insta­gram-Account hät­ten. Von die­sen sei­en 76 Pro­zent zwi­schen 16 und 34 Jah­ren alt. Auch wenn kei­ne detail­lier­ten Zah­len zu hie­si­gen Nut­zern vor­lie­gen, dürf­te Deutsch­land trotz kon­ti­nu­ier­li­chem Wachs­tum noch etwas hin­ter­her hän­gen, auch wenn Insta­gram mit Sicher­heit zu den Soci­al Media Favo­ri­ten der deut­schen User zählt.

2.6 Pin­te­rest

Die Zurück­hal­tung gegen­über dem Sozia­len Bil­der­netz­werk Pin­te­rest ist deut­lich höher. Wäh­rend in den USA jeder fünf­te Ame­ri­ka­ner Pin­te­rest nutzt, gibt es hier­zu­lan­de erst seit ver­gan­ge­nem Jahr einen Hoff­nungs­schim­mer: Laut des Markt­for­schungs­un­ter­neh­mens Coms­core hat sich die Zahl der Pin­te­rest-Web­site-Besu­cher von 600.000 auf 2,1 Mil­lio­nen erhöht. Noch domi­nie­ren klar die Nut­zer aus den USA und aus Kana­da, den eng­lisch-spra­chi­gen Län­dern Groß­bri­tan­ni­en und Aus­tra­li­en, sowie aus por­tu­gie­sisch-spa­nisch-spra­chi­gen Län­dern wie Bra­si­li­en, Mexi­ko und Spa­ni­en.

Zudem wagen sich erst weni­ge hie­si­ge Mar­ken und Unter­neh­men an den Foto-Dienst. Dies hat zur Fol­ge, dass selbst natio­na­le Kaf­fee- und Tee­mar­ken einen inter­na­tio­na­len, eng­lisch- oder spa­nisch-spra­chi­gen Account bei Soci­al Media Platt­for­men wie Pin­te­rest, Insta­gram, Twit­ter, You­Tube etc. bevor­zu­gen, als dass sie einen deutsch­spra­chi­gen Account instal­lie­ren wür­den.

2.7 Zwi­schen­fa­zit

Die­se Zah­len spie­geln die oben erwähn­te gespal­te­ne hie­si­ge Soci­al Media Nut­zung deut­lich wider: Wäh­rend Deutsch­land zu den Haupt-Face­book-Natio­nen zählt, spie­len gera­de Twit­ter, Blogs, Goog­le+ und Pin­te­rest für deut­sche User nur eine gerin­ge Rol­le. Ähn­li­che Ergeb­nis­se hat­te die Gesell­schaft für inte­grier­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­schung Ende des Jah­res 2013 erho­ben. Danach griff 22 Pro­zent der deut­schen Bevöl­ke­rung täg­lich auf ihr Face­book-Pro­fil zu, wäh­rend dies bei Twit­ter nur rund 2,4 Pro­zent der Befrag­ten waren.

Die­se Zurück­hal­tung gilt eben­falls für neu auf­kom­men­de Soci­al Media Platt­for­men. Die Instant Messa­ging Anwen­dung Snap­chat zählt bei­spiels­wei­se inter­na­tio­nal bereits 100 Mil­lio­nen regel­mä­ßi­ge Nut­zer und ist in den USA zur dritt­wich­tigs­ten App – nach Face­book und Insta­gram – unter den 14- bis 34-Jäh­ri­gen auf­ge­stie­gen. Dort hat sich Snap­chat fest im All­tag jun­ger User eta­bliert, wäh­rend sich der Foto­dienst in Deutsch­land erst lang­sam gera­de unter Jugend­li­chen ver­brei­tet.


3. Die Grün­de für die Zurück­hal­tung im Soci­al Web

Wo lie­gen die Grün­de für die­se Skep­sis? Für die­se Face­book-Lust und die sons­ti­ge Soci­al Media „Unlust“? In sei­nem Bei­trag für das Wall­street Jour­nal nann­te Redak­teur Ste­phan Dör­ner fünf Grün­de, war­um Deutsch­land nicht twit­tert bzw. war­um Twit­ter hier­zu­lan­de „ein­fach nicht abhe­ben will“. Sei­ner per­sön­li­chen Mei­nung nach tra­gen dazu die deut­sche Zurück­hal­tung bei der öffent­li­chen Mei­nungs­äu­ße­rung, die feh­len­de Eig­nung der deut­schen Spra­che für Twit­ter, die deut­sche Tech­nik­skep­sis, das Feh­len zug­kräf­ti­ger Pro­mis und die insti­tu­tio­nel­le Schwä­che von Twit­ter in Deutsch­land bei.

Doch rei­chen die­se Grün­de aus, um dar­an die deut­sche Soci­al Media Zurück­hal­tung zu erklä­ren bzw. sie zu ver­ste­hen? Bli­cken wir auf eini­ge Grün­de, die sich nicht nur auf Twit­ter, son­dern auch auf die ande­ren Soci­al Media Platt­for­men bezie­hen las­sen.

3.1 Zurück­hal­tung in der Online-Nut­zung

Wer die Soci­al Media Nut­zung in Deutsch­land inten­si­ver ana­ly­siert, kommt einem Grund schritt­wei­se näher. Denn wie sieht die hie­si­ge Soci­al Media Nut­zung wirk­lich aus? Jedes Jahr gibt die Initia­ti­ve D21 den D21-Digi­tal-Index her­aus, der sehr genau die Ent­wick­lung der digi­ta­len Gesell­schaft in Deutsch­land beschreibt. Unter ande­ren wird die deut­sche Bevöl­ke­rung nach sechs unter­schied­li­che Nut­zer­ty­pen cha­rak­te­ri­siert, die auf­zei­gen, wie stark das Inter­net und die Sozia­len Medi­en von wel­cher Bevöl­ke­rungs­grup­pe genutzt wird.

Die 2014er-Aus­ga­be mach­te deut­lich, dass 26 Pro­zent (bezeich­net als „Außen­ste­hen­de Skep­ti­ker“) kaum online sind, 30 Pro­zent („Häus­li­che Gele­gen­heits­nut­zer“) sich vor allem auf die Inter­net-Recher­che beschrän­ken, 7 Pro­zent („Vor­sich­ti­ge Prag­ma­ti­ker“) wegen hoher Sicher­heits­be­den­ken sehr bedacht im Inter­net agie­ren, 18 Pro­zent („Reflek­tier­ter Pro­fi“) Soci­al Media stark nutzt, 13 Pro­zent („Pas­sio­nier­ter Onli­ner“) sich ein Leben ohne Inter­net nicht vor­stel­len kön­nen und 6 Pro­zent („Smar­ter Mobi­list“) zu den Inter­net-Inten­siv­nut­zern – und dies vor allem mobil – zäh­len. Die Pro­zent­zah­len addiert, bedeu­tet dies, dass gera­de ein­mal 37 Pro­zent, also ein gutes Drit­tel, der­zeit Sozia­le Medi­en aktiv nutzt bzw. über die­se erreich­bar sind.

Die­ser Pro­zent­satz deckt sich per­fekt mit der oben erwähn­ten Face­book-Pene­tra­ti­on in Deutsch­land und ver­wan­delt die bis­he­ri­ge Annah­me in eine ein­fa­che Glei­chung: „Wenn Soci­al Media in Deutsch­land, dann Face­book.“ Für alles wei­te­re ist in der Mehr­zahl der Men­schen kei­ne Zeit oder kein Inter­es­se. Hier­zu muss hin­zu­ge­fügt wer­den, dass sich die­se Zah­len inner­halb der ver­gan­ge­nen zwei bis drei Jah­ren kaum ver­än­dert haben. Es lässt sich also schon fast von einem Still­stand bei der Inter­net- und Soci­al Media Nut­zung spre­chen.

3.2 Aus­ge­präg­ter digi­ta­ler Gap

Einen aus­ge­wie­se­nen star­ken digi­ta­len Gap in Deutsch­land bezeugt eben­falls die Markt-Media-Stu­die best for plan­ning (b4p), wel­che die Gesell­schaft für inte­grier­te Kom­mu­ni­ka­ti­on im Sep­tem­ber 2014 zum zwei­ten Mal durch­führ­te. Laut b4p sind 51 Pro­zent der Deut­schen über 14 Jah­ren völ­lig Soci­al Media absti­nent, pri­vat wie beruf­lich. An die­ser Zahl hat sich inner­halb der letz­ten 12 Mona­te fast nichts geän­dert.

Vor allem sind die Unter­schie­de unter den Alters­stu­fen hoch – so der oben erwähn­te D21-Digi­tal-Index. Auch laut ARD/Z­DF-Online­stu­die 2014 sind in Deutsch­land zwar 45,4 Pro­zent der über 60-Jäh­ri­gen zumin­dest gele­gent­lich online. Mit die­ser Zahl ist die hie­si­ge Inter­net­pe­ne­tra­ti­on in die­ser Alters­stu­fe jedoch deut­lich gerin­ger als in ande­ren euro­päi­schen Län­dern. Die­ser aus­ge­präg­te digi­ta­le Gap wird den Stu­di­en nach vor allem durch die älte­ren Frau­en “ver­ur­sacht”.

Vor die­sem Hin­ter­grund drück­te Ex-SPD-Kanz­ler­kan­di­dat Peer Stein­brück anläss­lich der CeBIT 2013 bereits sei­ne Befürch­tung aus, dass sich die Gesell­schaft spal­tet: „In digi­ta­le Ober­klas­se und Analpha­be­ten“. Ein Aspekt, der ange­sichts der zuneh­men­den Digi­ta­li­sie­rung unse­rer Gesell­schaft auf jeden Fall zum Nach­den­ken anre­gen soll­te. Nur woher stammt die­ser deut­sche digi­ta­le Gap? Ist es eine Tech­nik-Skep­sis? Die Angst vor dem Ver­lust der eige­nen Pri­vat­sphä­re?

3.3 Die Fra­ge nach der Pri­vat­sphä­re

Die Deut­schen wür­den sich mit öffent­li­chen Mei­nungs­be­kun­dun­gen online zurück­hal­ten, weil sie im inter­na­tio­na­len Ver­gleich beson­ders auf ihre Pri­vat­sphä­re ach­ten wür­den, argu­men­tiert Dör­ner in sei­nem Wall­street Jour­nal Bei­trag. Dazu ver­weist er auf Twit­ter, das als öffent­li­ches Medi­um und über Goog­le stets auf­find­bar sei, wäh­rend Face­book ein Medi­um aus­schließ­lich für den eige­nen Freun­des- bzw. Fan­kreis sei. Dass das deut­sche Sicher­heits­be­wusst­sein zu einer bewuss­ten Nut­zung der Sozia­len Medi­en führt, erkann­te die ARD/Z­DF-Online­stu­die 2014 bei Nut­zern: „Viel­mehr schei­nen sie in einem Zwie­spalt zwi­schen dem Bedürf­nis nach Sicher­heit einer­seits und per­sön­li­chem Nut­zen ande­rer­seits zu sein. Daten­schutz wird gegen Con­ve­ni­en­ce und Par­ti­zi­pa­ti­on abge­wo­gen.“

Bli­cken wir ein paar Jah­re zurück: Seit den Anfän­gen ist Face­book häu­fig in der Kri­tik, was den Umgang mit dem Daten­schutz und dem Gebrauch frei­wil­lig gege­be­ner Daten zu Wer­be­zwe­cken betrifft. An die­ser kri­ti­schen Ein­stel­lung hat sich bis heu­te nichts geän­dert. Kei­ne der vie­len Daten­skan­da­le konn­te aber etwas an der deut­schen Fas­zi­na­ti­on für das blaue Netz­werk ändern, was sich in der bis heu­te kon­ti­nu­ier­lich hohen Nut­zung nie­der­schlägt. Wenn das The­ma Pri­vat­sphä­re so wich­tig ist, war­um ist die hie­si­ge Face­book-Nut­zung in Deutsch­land wei­ter­hin so inten­siv? Und war­um wird auch die Video­platt­form You­Tube als Goog­le-Pro­dukt und als eines der stärks­ten Mei­nungs­me­di­en samt Kom­men­tar­funk­ti­on so inten­siv genutzt? Zumin­dest scheint die Fra­ge nach der Pri­vat­sphä­re als ein­zi­ges Argu­ment nicht aus­zu­rei­chen.

3.4 Deut­sche recht­li­che Beden­ken

Die Fra­ge nach der Pri­vat­sphä­re berührt ein wei­te­res Hin­der­nis, das die Nut­zung gera­de der im Inter­net boo­men­den Bil­der- und Video-Platt­for­men behin­dert: Die deut­schen Rechts­vor­schrif­ten bzw. die vor­ge­brach­ten recht­li­chen Beden­ken. Bei­spiel You­Tube: Seit April 2009 strei­ten sich Goog­le als You­Tube-Inha­ber und die deut­sche GEMA über die Ver­brei­tung von Vide­os auf der zweit­größ­ten Such­ma­schi­ne der Welt. Bis heu­te konn­te kei­ne Eini­gung über den damals aus­lau­fen­den Ver­trag erzielt wer­den. Die Fol­ge: Kaum wer­den nach GEMA-Ein­schät­zung musi­ka­li­sche Rech­te bei publi­zier­ten Vide­os ver­letzt, erscheint beim suchen­den You­tube-User die Nach­richt: „Lei­der ist die­ses Video in Deutsch­land nicht ver­füg­bar, da es Musik ent­hal­ten könn­te, für die die GEMA die erfor­der­li­chen Musik­rech­te nicht ein­ge­räumt hat.“ Ein Ärger­nis, das bei­spiels­wei­se unse­re Nach­bar­län­der nicht ken­nen.

Bei­spiel Pin­te­rest: Das US-Foto-Netz­werk hat sich zu einem der wich­tigs­ten Traf­fic-Lie­fe­ran­ten gera­de in den USA ent­wi­ckelt. Kaum ein Por­tal, kaum ein Shop, kaum ein Pro­dukt­an­bie­ter kann auf die Links aus Pin­te­rest ver­zich­ten. Weit über 70 Mil­lio­nen Nut­zer pin­nen regel­mä­ßig Bil­der und Vide­os direkt von ande­ren Pin­te­rest-Usern oder direkt von Web­sei­ten in ihre eige­nen Boards. Bil­der von Web­sei­ten pin­nen? Genau an die­ser Stel­le tau­chen die recht­li­chen Beden­ken auf. Schließ­lich wer­den eben­falls Bil­der gepinnt bzw. wei­ter gepinnt, für die der jewei­li­ge Pin­te­rest-User – unab­hän­gig ob Pri­vat­per­son oder Unter­neh­men – kei­ner­lei Rech­te hat. Wäh­rend sich auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne die soge­nann­te „Fair Use Regel“ eta­bliert hat, die eine Nut­zung ohne Erlaub­nis des Rech­te­inha­bers unter bestimm­ten Rah­men­be­din­gun­gen legi­ti­miert, domi­niert gera­de bei deut­schen Unter­neh­men die Angst vor mög­li­chen Abmah­nun­gen von den Inha­bern gepinn­ter Bil­der.

Auch wenn die Zahl der Pin­te­rest-User sich in den letz­ten Mona­ten erhöht hat, wie im vor­he­ri­gen Kapi­tel beschrie­ben, so bleibt die inter­na­tio­nal boo­men­de Platt­form für visu­el­les Net­wor­king noch ein Rand­in­stru­ment in Deutsch­land. Solan­ge aber nicht star­ke Unter­neh­men, Pro­mi­nen­te und Mul­ti­pli­ka­to­ren Pin­te­rest in Deutsch­land für ihre visu­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on aktiv nut­zen – unter Berück­sich­ti­gung der herr­schen­den recht­li­chen Bedin­gun­gen –, wird sich wie­der­um die Mas­se der Nut­zer für Pin­te­rest kaum begeis­tern kön­nen und es damit zum wir­kungs­vol­len Mar­ke­ting­in­stru­ment machen.

3.5 Hie­si­ge tech­no­lo­gi­sche Skep­sis

Wenn auch über­all von der digi­ta­len Trans­for­ma­ti­on gespro­chen wird und sie als eine der gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen unse­rer Zeit defi­niert wird, ist das Tech­no­lo­gie­land Deutsch­land vom hoch digi­ta­li­sier­ten Wirt­schafts­stand­ort noch weit ent­fernt. Gera­de bei mit­tel­stän­di­schen Unter­neh­men ist die Digi­ta­li­sie­rung bis­her so gut wie nicht ange­kom­men, so das Ergeb­nis einer Stu­die, die das Markt­for­schungs­in­sti­tut GfK Enig­ma im Juli 2014 im Auf­trag der DZ Bank bei 1.000 Unter­neh­men durch­ge­führt hat­te. Danach spre­chen 70 Pro­zent der mit­tel­stän­di­schen Unter­neh­men der Digi­ta­li­sie­rung im Her­stel­lungs- und Wert­schöp­fungs­pro­zess kaum oder gar kei­ne Bedeu­tung zu. Nur bei der Hälf­te aller mit­tel­stän­di­schen Unter­neh­men mit einem Umsatz von bis zu 125 Mil­lio­nen Euro ist die Digi­ta­li­sie­rung Teil der Geschäfts­stra­te­gie.

statista: „Internet für Deutsche tatsächlich Neuland

sta­tis­ta: „Inter­net für Deut­sche tat­säch­lich Neu­land

Fazit des DZ-Bank-Vor­stands­mit­glieds Ste­fan Zeid­ler: „Ganz ein­deu­tig wer­den die Chan­cen, wel­che die Digi­ta­li­sie­rung bie­tet, in einem gro­ßen Teil des Mit­tel­stan­des nicht erkannt. Es über­wie­gen die Ängs­te.“ Begrün­det wird die­se Zurück­hal­tung mit Sor­gen um die Sicher­heit ihrer Daten und um die grö­ße­re Abhän­gig­keit von der tech­ni­schen Infra­struk­tur. Die Chan­ce, auf die­sem Wege neue Märk­te zu erschlie­ßen, wird dage­gen nur von 44 Pro­zent der Befrag­ten erkannt.

In die­sen Ergeb­nis­sen spie­gelt sich die kri­ti­sche Ein­stel­lung in Deutsch­land gegen­über Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gi­en wider, die sich wie­der­um erschwe­rend auf die stär­ker ver­brei­te­te Nut­zung und die wirt­schaft­li­che Wei­ter­ent­wick­lung nie­der­schlägt. Die­se tech­no­lo­gi­sche Zurück­hal­tung lässt sich auch aus einem wei­te­ren Ver­gleich her­aus­le­sen: Ledig­lich fünf Pro­zent der Bun­des­bür­ger schät­zen ihre eige­nen Inter­net-Kennt­nis­se als „gut“, 33 Pro­zent der Bevöl­ke­rung als „mit­tel­mä­ßig“ ein. Dies ist den Umfra­ge­da­ten der EU-Sta­tis­tik­be­hör­de Euro­stat zu ent­neh­men. Damit liegt Deutsch­land im euro­päi­schen Ver­gleich nur im hin­te­ren Bereich, wie die fol­gen­de Abbil­dung deut­lich macht.

3.6 Schwa­che tech­no­lo­gi­sche Infra­struk­tur

Ein Blick auf die hie­si­ge Infra­struk­tur führt zu einem damit ver­bun­de­nen und eben­so wesent­li­chen Pro­blem: Deutsch­land hängt im inter­na­tio­na­len Ver­gleich deut­lich hin­ter­her, wenn es um die tech­ni­schen Vor­aus­set­zun­gen für eine inten­si­ve Inter­net- und damit Soci­al Media Nut­zung geht.

statista: Deutsches Web: Zu langsam für die Webspitze

sta­tis­ta: Deut­sches Web: Zu lang­sam für die Web­spit­ze

Wie die fol­gen­de Gra­fik auf­zeigt, belegt Deutsch­land unter den Län­dern mit schnel­ler Inter­net-Ver­bin­dung gera­de ein­mal Platz 28. Dies bedeu­tet: Für vie­le Men­schen exis­tiert nicht die tech­ni­sche Infra­struk­tur, um stän­dig auf ihre eige­nen Sozia­len Medi­en zugrei­fen zu kön­nen. Dass dies einer inten­si­ve­rem Inter­net- und Soci­al Media-Nut­zung hin­der­lich ist, ist nach­voll­zieh­bar: Je ein­fa­cher jemand auf sei­ne Medi­en zugrei­fen kann, des­to eher wird er sie – regel­mä­ßig – nut­zen.

Eben­falls dazu zählt die erst all­mäh­li­che­re WLAN-Abde­ckung – und dies beschränkt auf die deut­schen Groß­städ­te und damit Tech­no­lo­gie-Metro­po­len. Wäh­rend bei­spiels­wei­se in Euro­pa in den nor­di­schen Län­dern oder in den bal­ti­schen Staa­ten fast jeder moder­ne Cof­fee Shop, jede tra­di­tio­nel­le Back­stu­be, jedes Stra­ßen­ca­fé, jeder Über­land­bus wie selbst­ver­ständ­lich kos­ten­lo­ses WLAN anbie­tet, so ist dies bei uns erst im Kom­men oder – wie in vie­len Hotels – nur kos­ten­pflich­tig zu erhal­ten. Oder es zie­hen sich Dis­kus­sio­nen über städ­ti­sche WLAN-Ange­bo­te ewig in die Län­ge. Neben der skep­ti­schen Grund­ein­stel­lung der Bevöl­ke­rung gegen­über den neu­en Medi­en lie­fert damit auch die Infra­struk­tur der­zeit kei­nen frucht­ba­ren Nähr­bo­den für eine Digi­ta­li­sie­rung in Deutsch­land.

Posi­tiv ist anzu­mer­ken, dass die Bun­des­re­gie­rung das Pro­blem und den drin­gen­den Nach­hol­be­darf erkannt zu haben scheint, die infra­struk­tu­rel­len Grund­la­gen in Deutsch­land für eine ver­stärk­te Nut­zung der Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gi­en zu stär­ken. Anfang des Jah­res 2014 sprach der damals neue Bun­des­mi­nis­ter für Ver­kehr und digi­ta­le Infra­struk­tur Alex­an­der Dob­rindt davon, Deutsch­land mit einem „digi­ta­len Hoch­ge­schwin­dig­keits­netz bis 2018“ in die digi­ta­le Cham­pi­ons League zu hie­ven und dazu den Zugang zum schnel­len Inter­net von min­des­tens 50 Mbit/​s bis zum Jah­re 2018 flä­chen­de­ckend aus­zu­bau­en. Ob Cham­pi­ons League oder Euro­pa League, ob rea­lis­tisch oder nicht: Erst wenn die­se Netz­in­fra­struk­tur deut­lich ver­bes­sert ist, wer­den die Men­schen die Sozia­len Medi­en deut­lich inten­si­ver nut­zen kön­nen – und dies unab­hän­gig von Zeit und Ort, von pri­va­tem oder beruf­li­chem Ein­satz.

3.7 Gerin­ger media­ler Rücken­wind

Die Soci­al Media Affi­ni­tät der deut­schen Medi­en bleibt wei­ter­hin im inter­na­tio­na­len Ver­gleich begrenzt. Wäh­rend ins­be­son­de­re im skan­di­na­vi­schen, asia­ti­schen und ame­ri­ka­ni­schen Raum Jour­na­lis­ten inten­siv mit Twit­ter, Goog­le+ und Co. umge­hen, hält sich eine Viel­zahl deut­scher Medi­en­ver­tre­ter zurück. Selbst wenn ihr Anteil in den letz­ten zwei Jah­ren leicht gewach­sen ist, bele­gen sie in inter­na­tio­na­len Ran­kings bzgl. Soci­al Media Affi­ni­tät hin­te­re Plät­ze, domi­niert die Zurück­hal­tung und Skep­sis gegen­über Ent­de­ckungs­lust und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­freu­de.

Der deut­schen Bevöl­ke­rung feh­len damit die Medi­en als Mul­ti­pli­ka­to­ren, wel­che den sinn­vol­len Ein­satz der Sozia­len Medi­en aktiv vor­le­ben. Wür­den sie die­se mas­siv nut­zen, könn­ten Leser und Zuschau­er das Soci­al Web noch stär­ker als ein Instru­ment der Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung, der Beob­ach­tung und des Aus­tau­sches begrei­fen, also als ein durch­aus sinn­vol­les und für vie­le hilf­rei­ches Instru­ment.

Die­se der­zei­ti­ge Zurück­hal­tung fällt – im inter­na­tio­na­len Ver­gleich – zum Bei­spiel bei der Inte­gra­ti­on von Hash­tags auf. Wäh­rend es in den USA, in Groß­bri­tan­ni­en, in den skan­di­na­vi­schen und asia­ti­schen Län­dern kaum eine TV-Sen­dung ohne eige­nen Hash­tag gibt, beschränkt sich dies bei uns noch auf aus­ge­wähl­te Spots wie #tat­ort #TVOG #GNTM oder spe­zi­el­le Sport­sen­dun­gen. Das heißt, wäh­rend die Inte­gra­ti­on eines Hash­tags in deut­schen Medi­en noch etwas Beson­de­res ist, gel­ten Hash­tags bei unse­ren Nach­barn als Nor­ma­li­tät – wie im übri­gen auch die Erwäh­nung des per­sön­li­chen Redak­teurs-Twit­ter-Accounts als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­ge­bot wäh­rend der Sen­dun­gen.

3.8 Die Macht der eng­li­schen Spra­che

Wer die Län­der mit der stärks­ten Online-Nut­zung sucht, wird inner­halb von Euro­pa vor allem auf Län­der tref­fen, in denen die Bewoh­ner mit Eng­lisch als Mut­ter­spra­che oder Eng­lisch als Medi­en­spra­che auf­wach­sen, wie in den nor­di­schen Län­dern, aber auch bei­spiels­wei­se in den Nie­der­lan­den. Für deren Bewoh­ner ist ein Aus­tausch in eng­li­scher Spra­che etwas All­täg­li­ches.

Dies galt auch für die Soci­al Media Platt­for­men, wie ein kur­zer Blick zurück ver­deut­licht: Face­book begann bei­spiels­wei­se in Deutsch­land erst dann sei­ne Erfolgs­ge­schich­te zu schrei­ben, als eine deut­sche Ver­si­on Ende Febru­ar 2008 online ging. In die vor­ma­li­ge eng­li­sche Ver­si­on woll­ten sich nur weni­ge Nut­zer ein­ar­bei­ten, was zu einer Hoch­zeit der natio­na­len Netz­wer­ke wie Stu­di­VZ, Wer-Kennt-Wen oder Loka­lis­ten geführt hat­te, von denen heu­te nie­mand mehr spricht bzw. die heu­te schlicht nicht mehr exis­tie­ren.

Gleich­zei­tig zeigt ein Blick auf Län­der wie Bra­si­li­en, Indo­ne­si­en, Spa­ni­en, Mexi­ko, Tür­kei, dass eben­falls nicht eng­lisch-spra­chi­ge Län­der Twit­ter inten­siv nut­zen. War­um dort? In Län­der, die in den letz­ten Jah­ren unter einer Kri­se lit­ten oder poli­ti­sche Umwäl­zun­gen erle­ben durf­ten – ara­bi­sche Revo­lu­ti­on, Kri­tik an Erdo­gan in der Tür­kei, Arbeits­lo­sig­keit unter Jugend­li­chen in Spa­ni­en etc. –, scheint Twit­ter einen deut­lich stär­ke­ren Ein­gang gefun­den zu haben. Ins­be­son­de­re jun­ge Men­schen sahen in die­sem Nach­rich­ten­dienst eine Chan­ce, sich zu Demons­tra­tio­nen oder ande­re Ver­an­stal­tun­gen zu ver­net­zen oder ihrem Wider­stand gegen die herr­schen­den Sys­te­me Aus­druck zu ver­lei­hen – und dies in Echt­zeit. Über­setzt heißt dies: Die­se Men­schen wuss­ten, für was sie Twit­ter nut­zen könn­ten; sie hat­ten einen Sinn ent­deckt. Und genau dies führt zu einem der wesent­li­chen Grün­de für die Zurück­hal­tung bei Twit­ter und Co.: Die Fra­ge nach der Sinn­hal­tig­keit.

3.9 Die Suche nach dem Sinn

Twit­ter wie auch Goog­le+ schaf­fen es offen­bar bis­her nicht aus­rei­chend, neue, weni­ger netz- und tech­ni­kaf­fi­ne Inter­net­nut­zer anzu­zie­hen und zu bin­den. Somit bewe­gen sich vor allem Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Mar­ke­ting­fach­leu­te, Jour­na­lis­ten und Blog­ger, Tech­no­lo­gie-User, Poli­ti­ker gera­de zu Wahl­zei­ten sowie – auf Twit­ter – Pro­mi­nen­te aus dem Show‑, TV- und Sport-Busi­ness. Die­se erken­nen für sich den Sinn, ihre eige­nen The­men zu lan­cie­ren, die neu­es­ten Ent­wick­lun­gen zu beob­ach­ten, sich mit ihren Kol­le­gen und Fans aus­zu­tau­schen. Und die ande­ren „nor­ma­len“ Men­schen: Vie­le zwei­feln an der Rele­vanz von Twit­ter, Goog­le+ und Blogs. Was soll ich mit Twit­ter genau anfan­gen, ist eine der häu­figs­ten Fra­gen, die auch der Autor die­ses Bei­tra­ges von Semi­nar­teil­neh­mern regel­mä­ßig erhält. Bei Face­book unter­hält man sich mit sei­nen Freun­den. Bei Goog­le+ soll es Effek­te auf die Such­ma­schi­nen­prä­senz brin­gen. Aber war­um Twit­ter?

statista: Twitters Problem mit der Nutzer-Bindung

sta­tis­ta: Twit­ters Pro­blem mit der Nut­zer-Bin­dung

Die­se Fra­ge nach dem Sinn gera­de von Twit­ter spie­gelt die hohe Anzahl an Men­schen wider, die Twit­ter begon­nen haben zu nut­zen und es nach kur­zer Zeit wie­der gelas­sen haben. Focus-Exper­te Hol­ger Schmidt spricht von 70 bis 80 Pro­zent. Daten der Twit­ter-Ana­ly­se-Fir­ma Twop­charts ver­deut­li­chen dies: Von den 900 Mil­lio­nen Accounts, die seit 2008 eröff­net wur­den, waren Ende Febru­ar 2014 nur noch gut 10 Pro­zent aktiv, das heißt, es wur­den Tweets von dem Account abge­setzt. Vie­le User hat­ten also Twit­ter aus­pro­biert, jedoch kei­nen erkenn­ba­ren Mehr­wert für sich selbst erkannt. Oder sie nut­zen Twit­ter rein pas­siv zum Lesen.

Die­ses Pro­blem zeigt einen extre­men Nach­hol­be­darf bei Twit­ter, den Sinn des eige­nen Ser­vices zu ver­deut­li­chen. In einem Inter­view mit der FAZ am 30. Juli 2014 gab Dick Cos­to­lo, Vor­stands­vor­sit­zen­der von Twit­ter, zu: “Twit­ter muss ein­fa­cher für Neu­ein­stei­ger wer­den“. Auf die Fra­ge, war­um sich vie­le Men­schen bei Twit­ter anmel­den, aber nach kur­zer Zeit den Dienst nicht mehr nut­zen, ant­wor­te­te er: “Weil wir es oft nicht schaf­fen, ihnen den unmit­tel­ba­ren Wert von Twit­ter zu zei­gen. Es muss leich­ter wer­den, bei Twit­ter ein­zu­stei­gen. Zu vie­le Nut­zer fin­den es zu schwie­rig, selbst manu­ell zusam­men­zu­stel­len, wel­che Inhal­te sie in der Nach­rich­ten­leis­te zu sehen bekom­men. Wir haben hier viel Arbeit vor uns.

Kein Wun­der also, dass Twit­ter der­zeit mas­siv an Ver­än­de­run­gen arbei­tet, um die Nut­zer-Bin­dung zu erhö­hen und gera­de den Ein­stieg für Neu­lin­ge zu erleich­tern. So soll es (Stand Janu­ar 2015) für Neu-Nut­zer künf­tig mög­lich sein, sich von Twit­ter pas­sen­de Nut­zer-Accounts zu den eige­nen Inter­es­san­ten anbie­ten zu las­sen, um auf die­se Wei­se die Suche nach rele­van­ten The­men und Per­so­nen zu erleich­tern („Instant Time­li­ne“). Die Funk­ti­on „Time­li­ne High­lights“ soll künf­tig Posts nicht mehr nur chro­no­lo­gisch son­dern nach Höhe­punk­ten sor­tiert anzei­gen, um auf die­se Wei­se das Gesche­hen bes­ser im Auge zu behal­ten. Neben dem Aus­bau der Direct Mas­sa­ging Mög­lich­kei­ten soll zudem die belieb­te Video-Nut­zung ange­kur­belt wer­den. Nut­zer sol­len Vide­os direkt aus ihrem Twit­ter-Account auf­neh­men, bear­bei­ten und ver­sen­den kön­nen.

Dies zeigt: Twit­ter ist sich sei­ner bis­he­ri­gen Schwä­chen durch­aus bewusst. Ob der neue Ansatz die Lösung sein wird, muss abge­war­tet wer­den. In der ers­ten Reak­ti­on hat die­se Ent­schei­dung eher dazu geführt, bestehen­de akti­ve Twit­te­rer zu ver­un­si­chern, denn neue User für Twit­ter zu gewin­nen.


4. Fazit: Von Hol­schul­den und Bring­schul­den

Deut­sche Nut­zer wol­len sehr genau wis­sen, für was sie ein Netz­werk benut­zen kön­nen und was sie davon haben, bevor sie sich damit inten­siv beschäf­ti­gen. Auf Face­book unter­hal­ten sie sich mit ihren Freun­den, bei You­Tube sehen sie sich Fil­me und Vide­os an. Dage­gen muss ihnen bei Ange­bo­ten wie Twit­ter, Pin­te­rest oder Blogs noch deut­li­cher gemacht wer­den, wel­chen Mehr­wert sie davon kon­kret haben. Hier sind die Netz­wer­ke ver­stärkt gefragt, die­se Wis­sens­lü­cken auf­zu­fan­gen, wol­len sie die deut­sche Bevöl­ke­rung in ihrer Brei­te noch stär­ker an die Ser­vices her­an­füh­ren und sie auch als Nut­zer ihrer Wer­be­an­ge­bo­te künf­tig gewin­nen. Ansons­ten wer­den Twit­ter, Goog­le+ & Co. die deut­schen Nut­zer Face­book ganz allei­ne über­las­sen – so wie bis­her.

Dies ist jedoch nur eine der Ursa­chen, wel­che in Deutsch­land die bis­he­ri­ge Zurück­hal­tung im Umgang mit den Sozia­len Medi­en – abge­se­hen von Face­book – mit erklärt. Auf der ande­ren Sei­te muss drin­gend dar­an gear­bei­tet wer­den, die bis­he­ri­gen Schwä­chen aus­zu­mer­zen: Und die­se hei­ßen Bewusst­ma­chung der Chan­cen des Soci­al Web unab­hän­gig vom Alter, Auf­klä­rung über die wach­sen­de Bedeu­tung der Digi­ta­li­sie­rung sowie Ver­bes­se­rung der tech­no­lo­gi­schen Infra­struk­tur als Grund­vor­aus­set­zung. Ansons­ten wird die wei­te­re digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on ohne die Deut­schen ablau­fen. Und das kann sich das Land defi­ni­tiv nicht leis­ten.